St. Louis, MO

Darstellung der Camp Jackson-Affäre, erstmals veröffentlicht in der New York Illustrated News am 25.05.1861 unter dem Titel "Furchtbare Tragödie in St. Louis, Mo" (orig. "Terrible Tragedy at St. Louis, Mo").
Darstellung der Camp Jackson-Affäre, erstmals veröffentlicht in der New York Illustrated News am 25.05.1861 unter dem Titel „Furchtbare Tragödie in St. Louis, Mo“ (orig. „Terrible Tragedy at St. Louis, Mo“).

von Sarah Panter

Inhaltsverzeichnis

1 Für die Union und gegen die Sklaverei: Die Camp Jackson-Affäre im Mai 1861 (Konstellationen)
2 St. Louis als radikaldemokratisches Zentrum deutscher Revolutionsflüchtlinge nach 1848/1849 (Differenzen)
3 Der Mittlere Westen als transatlantischer Aushandlungsort des revolutionären Erbes (Bedeutungen)
4 Weiterführende Literatur
5 Einzelnachweise
6 Zitierempfehlung

Für die Union und gegen die Sklaverei: Die Camp Jackson-Affäre im Mai 1861 (Konstellationen)

St. Louis, das 1763 ursprünglich als französischer Handelsposten gegründet worden war, stieg seit den 1830er-Jahren zu einem Zentrum der europäischen Einwanderung und zu einem Knotenpunkt für Siedler in den amerikanischen Westen auf. Die günstige Lage der Stadt am Mississippi brachte ihr den Namen „Tor zum Westen“ („Gateway to the West“) ein. Das Territorium Missouris war allerdings erst 1803 durch die Vereinigten Staaten von Frankreich erworben worden („Louisiana Purchase“). Im Rahmen des sogenannten Missouri-Kompromisses war das Gebiet 1821 in die Union als ein Bundesstaat aufgenommen worden, in dem Sklaverei legal war. Allerdings gab es in Missouri im Gegensatz zu vielen Südstaaten nur wenige Sklaven.

Die zentrale Stellung von St. Louis für einen säkular geprägten „Abolitionismus“ wurde bereits in der Anfangsphase des amerikanischen Bürgerkriegs (1861–1865) deutlich: Am 10. Mai 1861 kam es bei Camp Jackson zwischen unionstreuen und pro-konföderierten Milizen zu einem Konflikt um ein großes, sich in der Nähe befindendes Waffenarsenal der Bundestruppen. In den Reihen der unionstreuen Milizen standen viele deutsche Einwanderer. Hingegen unterstützten die meisten irischen Einwanderer an der Seite des sezessionistisch geneigten Gouverneurs von Missouri, Claiborne Fox Jackson (1806–1862), und der einheimischen Sklavenhalter das Lager der Konföderierten. Als sich während dieses Konflikts ein Schuss löste, kam es zu tumultartigen Szenen und deutschfeindlichen Beschimpfungen; es gab 30 Tote. Den unionstreuen Milizen gelang es schließlich, das Waffenarsenal erfolgreich zu verteidigen. Missouri blieb dadurch ein Teil der Union. Zugleich führten die Vorfälle jedoch zu einer tiefen Spaltung der Bevölkerung.

In Missouri und anderen deutschamerikanischen Hochburgen der Nordstaaten rekrutierten und kommandierten während des gesamten Krieges viele ehemalige Aktivisten aus der deutschen Revolution von 1848/49, wie Friedrich Hecker (1811–1881), Karl Schurz (1829–1906) oder Franz Sigel (1824–1902), deutsche Freiwilligenregimenter für die Union. Dies fand auch kulturellen Niederschlag, etwa in dem populären Bürgerkriegslied „I’m Going to Fight Mit Sigel“[1].

St. Louis als radikaldemokratisches Zentrum deutscher Revolutionsflüchtlinge nach 1848/1849 (Differenzen)

Bis zu den 1830er-Jahren kamen vor allem bäuerlich-ländlich geprägte Einwanderer nach Missouri, für deren Alltag religiöse Praktiken und Institutionen eine große Rolle spielten. Sowohl Lutheraner als auch Katholiken traten zwar nicht immer notwendigerweise aktiv für die Sklaverei ein. Sie gingen jedoch auch nicht gegen das bestehende Sklavensystem vor. Im Unterschied hierzu ließen sich seit Ende der 1840er-Jahre europäische Revolutionsflüchtlinge sowie mit den sozialen und politischen Revolutionsforderungen sympathisierende Einwanderer, insbesondere aus Süddeutschland, in St. Louis nieder. Die Stadt am Mississippi war in dieser Phase ein expandierendes Zentrum des Mittleren Westen: Um 1850 lebten dort fast 78.000 Menschen, davon etwa knapp 24.000 Deutsche[2]. Gerade die deutschen Exilanten, die aufgrund ihrer Popularität schnell zu intellektuellen Anführern der Deutschamerikaner wurden, vertraten oft (radikal-)demokratische, antiklerikale und/oder (früh-)sozialistische Gedanken. Sie lehnten die Sklaverei sowie das bestehende Sklavensystem ab und strebten danach, ihre europäischen Ideale in ihrem neuen Umfeld zu verwirklichen – und damit an Amerikas „[z]weite[m] Freiheitskampf“[3] zu partizipieren.

Eine zentrale Persönlichkeit der in St. Louis florierenden deutschsprachigen Öffentlichkeit war der Journalist, Schriftsteller und Theaterleiter Heinrich Börnstein (1805–1892), der in eine gemischtkonfessionelle Familie in Hamburg geboren und im katholisch geprägten Galizien (Habsburgermonarchie) aufgewachsen war. Im April 1849 war er von Havre aus in New Orleans eingetroffen[4]. Von dort aus reiste er, wie viele andere Einwanderer, den Mississippi aufwärts nach St. Louis. Zuvor war er in Paris tätig gewesen, wo er frühe Schriften von Karl Marx veröffentlicht hatte. In St. Louis trug Börnstein, der von Marx zunehmend Abstand nahm, nicht nur zum Aufbau des kulturellen Lebens durch die Förderung von Theater- und Musikveranstaltungen bei. Darüber hinaus war er als Herausgeber des „Anzeiger des Westens“ tätig, einer der einflussreichsten deutschsprachigen Zeitungen im damaligen Mittleren Westen. In St. Louis konzentrierte sich Börnstein einerseits auf den Kampf gegen die Sklaverei und forderte andererseits, religiöse Einflüsse im öffentlichen Leben zurückzudrängen – zwei Forderungen, die viele Revolutionsflüchtlinge von 1848/49 miteinander verbanden. Dadurch brachte Börnstein nicht nur die alt eingesessenen (deutschstämmigen) Lutheraner in Missouri gegen sich auf, sondern auch die katholische Bevölkerung. Bereits 1851 hatte er in seinem Verschwörungsroman „Die Geheimnisse von St. Louis“ das negative Szenario eines „Protectorat[s] europäischer katholischer Mächte“[5] für Missouri und den amerikanischen Süden entworfen.

Der Mittlere Westen als transatlantischer Aushandlungsort des revolutionären Erbes (Bedeutungen)

Noch stärker als andere deutschamerikanische Hochburgen im Mittleren Westen (wie Wisconsin oder Illinois) entwickelten sich Missouri und insbesondere St. Louis zu einem radikalen Zentrum der deutschen Einwanderung. Wie nirgendwo sonst strebten die Revolutionsflüchtlinge von 1848/49 dort danach, ihre republikanischen und kosmopolitischen Ideale zu einem Bestandteil des öffentlichen Lebens zu machen und vor Ort umzusetzen. Dabei vermischten sich lokale Problemlagen, wie die Sklaverei, mit den Erfahrungen, welche diese Gruppe auf der anderen Seite des Atlantik gemacht hatte. Der Kampf für die Abschaffung der Sklaverei, in dem der Kampf gegen die Pflanzeraristokratie oft als Parallele zum Kampf gegen den Adel in Europa gedeutet wurde, und Forderungen nach der Beschränkung des religiösen Einflusses im gesellschaftlichen Leben, waren immer auch Teil der Auseinandersetzung um das Erbe der europäischen Revolutionen. Dabei handelte es sich nicht (immer) um eine Erfolgsgeschichte: Viele Ideale konnten nicht verwirklicht werden und manche Revolutionsaktivisten, die mit großen Hoffnungen in die USA emigriert waren, kehrten in den 1860er- und 1870er-Jahren desillusioniert nach Europa zurück. Auch Heinrich Börnstein zählte zu diesen Rückkehrern: Er ließ sich 1862 zunächst als amerikanischer Konsul in Bremen nieder, bevor er schließlich wieder nach Wien übersiedelte.

weiterführende Literatur

Kristen Layne Anderson, Abolitionizing Missouri. German Immigrants and Racial Ideology in Nineteenth-Century America, Baton Rouge, LA 2016.

Heinrich Börnstein, Memoirs of a Nobody. The Missouri Years of an Austrian Radical, 1849–1866, St. Louis, MO 1997.

Allison Clark Efford, German Immigrants, Race, and Citizenship in the Civil War Era, New York 2013.

Mischa Honeck, We Are the Revolutionists. German-Speaking Immigrants and American Abolitionists After 1848, Athens, GA 2011.

Steven Rowan, Germans for a Free Missouri. Translations from the St. Louis Radical Press, 1857–1862, Columbia, MO 1983.

Einzelnachweise

  1. John F. Poole, „I’m going to Fight Mit Sigel“. URL: http://jhir.library.jhu.edu/handle/1774.2/31873 (16.08.2016).
  2. Siehe Robyn Burnett u.a., German Settlement in Missouri. New Land, Old Ways, Columbia u.a., MO 1996, S. 22.
  3. Fritz Anneke, Der zweite Freiheitskampf der Vereinigten Staaten von Nordamerika, Frankfurt/M. 1861.
  4. Siehe Passagierliste der „Espindola“, abrufbar unter http://www.nausa.uni-oldenburg.de/1848/boernst.htm (16.08.2016).
  5. Heinrich Börnstein, Die Geheimnisse von St. Louis, Cassel 1851, S. 170.

Zitierempfehlung

Sarah Panter, St. Louis, in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2016. URL: http://www.ieg-differences.eu/ortstermine/sarah-panter-st-louis-mo, URN: urn:nbn:de:0159-20161020390.

Dieser Text ist lizensiert unter: CC by-nc-nd 4.0 international – Namensnennung, keine kommerzielle Nutzung, keine Bearbeitung.

Abbildungsnachweis

Wikimedia Commons – gemeinfrei