Kairo / al-Qāhira

Sphinx
Ausdruck des Pharaonismus: Das 1928 in Kairo enthüllte Denkmal von Mahmoud Mukhtar, „Das Erwachen Ägyptens“ („Nahḍat Miṣr“), zeigt eine Bauersfrau, die mit der einen Hand ihren Schleier lüftet, um in die Ferne zu schauen, und mit der anderen eine Sphinx umgreift.

von Manfred Sing

Inhaltsverzeichnis

1 Ägypten zwischen Autonomie und Kolonisation (Konstellationen)
2 Ägyptens kulturelle Identität – osmanisch, europäisch, ägyptisch oder islamisch? (Differenzen)
3 Streit um das Erbe der Pharaonen (Bedeutungen)
4 Weiterführende Literatur
5 Einzelnachweise
6 Zitierempfehlung

 

 

 

 

 

 

 

Ägypten zwischen Autonomie und Kolonisation (Konstellationen)

Als die Briten verhinderten, dass eine ägyptische Delegation (arab. „wafd“) bei den Pariser Friedensverhandlungen 1919 die Forderung nach der Unabhängigkeit Ägyptens vorbringen konnte, brachen anhaltende, landesweite Proteste aus. Daraufhin wurde Ägypten 1922 in die formale Unabhängigkeit entlassen. In der Suezzone endete die Kolonialherrschaft allerdings erst 1956 mit der Verstaatlichung der Suezkanal-Gesellschaft und der Suezkrise.

Ägypten war 1882 unter britische Besatzung geraten, obwohl es offiziell weiterhin Teil des Osmanischen Reiches blieb und zuvor relativ autonom agieren konnte. Im Zuge der osmanischen Rückeroberung nach Napoleons Ägypten-Feldzug (1798–1801) und im Machtkampf mit den türkisch-tscherkessischen Mamluken hatte sich Muḥammad ʿAlī Pascha (reg. 1805–1849)[1] als Statthalter und Khedive (Vize-König) von Ägypten und Sudan etabliert. Er, der aus einer albanischen Familie stammte, begründete eine Dynastie, die Ägypten bis zum Militärputsch 1952 regierte. Mit Hilfe europäischer Investoren gelang es ihm und seinen Nachfolgern, Ägypten umfassend zu modernisieren. Kairo entwickelte sich zu einem wirtschaftlichen, politischen, religiösen und kulturellen Zentrum des Landes, des Mittelmeerraums sowie der arabischen und islamischen Welt, das Arbeitsmigranten aus Europa und dem Osmanischen Reich anlockte. Die Stadt vergrößerte sich von weniger als 300.000 (1830) auf zwei Millionen Einwohner (1950). Das ehrgeizigste ägyptisch-europäische Infrastruktur-Projekt war der Bau des Suezkanals (1859–1869).

Die wenig umsichtige Finanzpolitik führte zum Staatsbankrott im Jahre 1876 und erlaubte es Großbritannien und Frankreich, ein rigoroses Sparprogramm durch eine internationale Schuldenkasse umzusetzen. Etwa die Hälfte der Staatseinnahmen musste zur Schuldentilgung aufgewendet werden. Der Unmut über Misswirtschaft und Finanzkontrolle führte zum ʿUrābī-Aufstand (1879–1882) unter dem Motto „Ägypten den Ägyptern“[2], der Anlass für die britische Intervention 1882 war.

Ägyptens kulturelle Identität – osmanisch, europäisch, ägyptisch oder islamisch? (Differenzen)

Aufgrund des osmanischen und europäischen, vor allem britischen Einflusses blieb die politische, aber auch die kulturelle Zugehörigkeit Ägyptens lange Zeit in der Schwebe. Bei der Eröffnung des Suezkanals 1869 soll der Kehdive Ismāʿīl gesagt haben: „Mein Land liegt nicht mehr in Afrika, sondern ist nun ein Teil Europas geworden.“[3] Nachdem das Land jedoch unter britische Kontrolle geraten war, forderte die politische Elite ein Ende der Kolonialherrschaft, war sich jedoch uneins über den osmanischen, arabischen oder islamischen Charakter Ägyptens.

Bei einem Großteil der anti-kolonialen Nationalbewegung, die nach der Jahrhundertwende starken Auftrieb erhielt, nahm der positive Bezug auf die altägyptische Vergangenheit, Pharaonismus genannt, einen zentralen Platz ein. Dadurch wurde ein säkularer ägyptischer Nationalismus begründet, der auch die ländliche Bevölkerung Oberägyptens (Fellachen) und die christlichen Kopten miteinschloss. Denn beide Gruppen verstanden sich als direkte Nachfahren der Pharaonen. Die Nationalbewegung 1919 agierte unter dem Slogan: „Die Religion gehört Gott, das Vaterland allen“ (al-dīn li-llāh, al-waṭan li-l-ǧamīʿ)[4] und benutzte eine Flagge, die Kreuz und Halbmond nebeneinander zeigte. Die Kombination aus Liberalismus und Pharaonismus war auch deshalb populär, weil mehrere Führungsfiguren der Wafd-Partei nach dem Ersten Weltkrieg selbst einen fellachischen Hintergrund hatten, auch wenn sie in die türkisch-tscherkessische Elite eingeheiratet hatten.

Der Verweis auf die antike Hochkultur sollte der Forderung nach Unabhängigkeit Nachdruck verleihen und war Teil eines Kampfes um die Verfügungsgewalt über die eigene Geschichte. Der 1859 gegründete Antikendienst (heute: Oberster Rat für Altertümer) sollte die Denkmäler vor Raub und Plünderung schützen, blieb aber 94 Jahre in französischer Hand, bis er 1953 verstaatlicht wurde. Auch die Sammlung pharaonischer Kunstschätze im 1902 neu gebauten Ägyptischen Museum stand bis Anfang der 1950er-Jahre unter europäischer Aufsicht.

Das Interesse an Altägypten war durch die französische Ägypten-Expedition befördert worden. In der Folge kam es zu einem Wettlauf zwischen europäischen Gelehrten um die Entzifferung der 1799 aufgefundenen Hieroglyphen. Die dadurch ausgelöste Ägyptomanie in Europa und den USA wurde durch weitere Funde – Büste der Nofretete (1912), Grab des Tutanchamon (1922) – verstärkt und fand anhaltenden Niederschlag in Literatur, Architektur, Kunst, Film, Esoterik und Tourismus.

Streit um das Erbe der Pharaonen (Bedeutungen)

Vertreter des ägyptischen Nationalismus unterstrichen mit Verweis auf die Pharaonen die Einzigartigkeit der ägyptischen Kultur sowohl innerhalb der arabischen und islamischen Welt als auch gegenüber Europa. Sie begründeten einen säkularen Nationalismus, der die religiöse und kulturelle Vielfalt Ägyptens betonte. Dadurch standen sie aber auch in Konflikt mit dem Osmanischen Reich, dem britischen Empire sowie internen panislamischen und panarabischen Rivalen.

Der politische Bezug zur antiken Geschichte blieb sowohl bedeutsam als auch umkämpft. In den 1950er- und 1960er-Jahren wurde der Pharaonismus durch Gamal Abdel Nassers Ideologien des panarabischen Nationalismus und des arabischen Sozialismus ergänzt beziehungsweise abgelöst. Indem sie die arabisch-islamische Geschichte stärker betonten, sollten sie Abdel Nassers Politik legitimieren. Der islamistische Attentäter Ḫālid Islāmbūlī rief nach dem Mord an Präsident Anwar as-Sadat 1981 aus: „Ich habe den Pharao getötet“[5]. Aus Sicht von Islamisten versinnbildlicht der Pharao einen Herrscher, der sich Göttlichkeit anmaßt. Bei den Massenprotesten 2011, die zum Sturz des Präsidenten Husni Mubarak führten, benutzten Graffiti-Künstler wie Alaa Awad[6] pharaonische Motive sowohl auf ironische als auch pathetische Weise, um den Kampf um Freiheit als Teil der langen ägyptischen Geschichte darzustellen.

Ägyptologie blieb bis weit ins 20. Jahrhundert hinein vor allem eine europäische Domäne. Als „Hochkultur“ wurde das antike Ägypten nicht nur in die Geschichte der Menschheit, in das UNESCO-Welterbe und in Schulbücher eingeschrieben, sondern auch als Vorgeschichte Europas und Amerikas vereinnahmt, popularisiert und kommerzialisiert. Seit 2002 bemüht sich Ägypten verstärkt um die Rückführung gestohlener oder exportierte Kulturgüter.

weiterführende Literatur

Mona Abaza, Satire, Laughter, and Mourning in Cairo’s Graffiti, in: Syrinx von Hees u.a. (Hg.), Proceedings of the Conference „Inverted Worlds: Cultural Motion in the Arab Region“, Beirut, October 4–8 2012, Orient Institute Studies 2 (2013). URL: <http://www.perspectivia.net/publikationen/orient-institut-studies/2-2013/abaza_satire> (08.04.2016).

Israel Gershoni u.a., Egypt, Islam, and the Arabs: The Search for Egyptian Nationhood, 1900–1930, New York u.a. 1986.

Ulrich Haarmann, Die „Persönlichkeit Ägyptens“. Das moderne Ägypten auf der Suche nach seiner kulturellen Identität, in: Zeitschrift für Missionsiwssenschaft und Religionswissenschaft 62 (1978), S. 101–122. URL: <https://www.freidok.uni-freiburg.de/fedora/objects/freidok:4617/datastreams/FILE1/content> (08.04.2016).

Albert Hourani, Arabic Thought in the Liberal Age, 1798–1939, Cambridge 2. Aufl. 1983.

Donald Malcolm Reid, Whose Pharaohs? Archaeology, Museums, and Egyptian National Identity from Napoleon to World War I, Berkeley u.a. 1997

Einzelnachweise

  1. Vgl. Klaus Kreiser, Mehmed Ali Pascha: Das neue Ägypten, in: DIE ZEIT Nr. 9/2011, 24.02.2011. URL: <http://www.zeit.de/2011/09/Osman-Mehmed-Ali-Pascha> (08.04.2016).
  2. Alexander Schölch, Ägypten den Ägyptern. Die politische und gesellschaftliche Krise der Jahre 1878–1882 in Ägypten, Zürich 1973.
  3. Reinhard Schulze, Geschichte der islamischen Welt im 20. Jahrhundert, München 1994, S. 28.
  4. Morten Valbjørn, Culture in the Middle East: The „Western Question“ and the Sovereignty of Post-Imperial States in the Middle East, in: Sally N. Cummings/Raymond Hinnebusch (Hg.), Sovereignty after Empire. Comparing the Middle East and Central Asia, Edinburgh 2011, S. 222–241, hier S. 230.
  5. Donald Malcolm Reid, Whose Pharaohs? Archaeology, Museums, and Egpytian National Identity from Napoleon to World War I, Berkeley u.a. 1997, S. 295.
  6. Vgl. dessen Eigendarstellung: <http://alaa-awad.com/> (08.04.2016).

 

Zitierempfehlung

Manfred Sing, Kairo / al-Qāhira, in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2016. URL: http://www.ieg-differences.eu/ortstermine/manfred-sing-kairo, URN: urn:nbn:de:0159-20161020217.

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Abbildungsnachweis

Zerida, transferiert von Alexknight12, CC BY-SA 3.0