Zlín

von Gregor Feindt

Inhaltsverzeichnis

Wohnsiedlungen für Baťa-Beschäftigte in Zlín, etwa 1930

 

1 Gesellschaftssteuerung in der Provinz (Konstellationen)
2 Nationale Gleichgültigkeit und neue Hierarchien (Differenzen)
3 Ein privatwirtschaftlicher „neuer Mensch“ (Bedeutungen)
4 Weiterführende Literatur
5 Einzelnachweise
6 Zitierempfehlung

Gesellschaftssteuerung in der Provinz (Konstellationen)

Im tschechoslowakischen Zlín entstand seit 1923 eine „ideale Industriestadt“ mit Fabrikhallen, öffentlichen Gebäuden und Wohnhäusern. Unter der Kontrolle des Schuhunternehmens Baťa wuchs die Stadt von etwa 5.000 Einwohnern im Jahr 1919 auf über 36.000 Einwohner im Jahr 1938 an. Baťa wurde einer der größten Schuhproduzenten der Welt, der auf allen Kontinenten Fabrikstädte nach dem Vorbild Zlíns errichtete. Durch die Produktion am Fließband konnte das Unternehmen mit niedrigen Preise Schuhe zu einem Konsumgut für die Masse machen. Doch das wichtigste „Produkt“ Zlíns waren seine Menschen.

„Was wollen Sie im Leben werden?“ fragte das Unternehmen seine jugendlichen Bewerberinnen und Bewerber um 1935. Die Antwort konnte in dem Fragebogen frei formuliert werden, aber für Baťa stand das Ziel fest: Aus seinen Beschäftigten sollten „neue Menschen“ werden. Nur leistungsstarke und hart arbeitende Männer und Frauen konnten, so die Überzeugung des Firmengründers Tomáš Baťa und seiner Nachfolger, der Öffentlichkeit dienen und damit die Tschechoslowakei und letztlich die Welt verbessern. Dieser ideale „neue Mensch“ war männlich gedacht. Er sollte zielstrebig an sich selbst arbeiten, gesund und sportlich, aber auch weltgewandt und eigenständig sein – und gleichzeitig gehorsam gegenüber dem Unternehmen.

Das Schuhunternehmen Baťa und sein Firmensitz Zlín stehen für einen besonders weitreichenden Versuch, Menschen zu disziplinieren und ihr Leben zu gestalten, um dadurch die Entwicklung einer Gesellschaft gezielt zu steuern. Diese Vision einer technischen und rationalen Herrschaft über Menschen, auch „social engineering“ genannt, war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weit verbreitet – in Diktaturen wie der Sowjetunion oder dem nationalsozialistischen Deutschland, aber auch in Demokratien wie Schweden hofften Expert/innenund Politiker/innen, auf diese Weise eine Gemeinschaft zu stabilisieren und so die Folgen der Moderne zu bewältigen.

Nationale Gleichgültigkeit und neue Hierarchien (Differenzen)

Baťa versprach seinen zukünftigen Beschäftigten: „Das industrielle Leben, das Sie von nun an führen werden, unterscheidet sich grundlegend vom Leben eines Bauern oder Handwerkers.“[1] Verbunden war dieses Versprechen mit detaillierten Anweisungen zur Lebensführung, Körperhygiene und Ernährung. In Ratgebern entwarf Baťa ein Idealbild des neuen Menschen, das sich von der „rückständigen“ Landbevölkerung oder der „besseren Gesellschaft“, die für ihr Geld nicht arbeiten müsse, abgrenzte. Die Umsetzung des Ideals wurde in Zlín streng überwacht – bis ins Privatleben hinein. Das betraf besonders die sogenannten „Schulen der Arbeit“, in denen Lehrlinge zu selbstständigen, tatkräftigen Unternehmern gedrillt werden sollten. Erzieherinnen und Erzieher überwachten das Verhalten und die Folgsamkeit ihrer Schützlinge und bewerteten sie regelmäßig. Aber auch im öffentlichen Raum trugen Spitzel der Personalabteilung Informationen zur Lebensführung der Beschäftigten zusammen.

Es waren besonders mittellose junge Frauen und Männer aus der Umgebung Zlíns, die bei Baťa auf Wohlstand und sozialen Aufstieg hofften. Während sich die utopische Stadt nach außen scharf abgrenzte, suchte das Unternehmen nach innen bestimmte Differenzen einzuebnen, die in dieser Zeit sonst betont wurden. Ethnische Zugehörigkeit oder die Sprache etwa waren in der multiethnischen Tschechoslowakei oft Anlass für Konflikte. In Zlín spielten sie genauso wenig eine Rolle wie die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft. Seit Ende der 1920er Jahre verbrachten auch Baťa-Auszubildende aus Deutschland, Frankreich, der Schweiz oder Indien einen Teil ihrer Ausbildung in Zlín. Viele tschechoslowakische Mitarbeiter hatten Jahre im Ausland verbracht oder standen kurz vor einer Versetzung in eine der weltweiten Filialen. Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde Zlín so zu einer Kleinstadt, in der die Welt erfahrbar wurde.

Zugleich schuf das Unternehmen eigene Unterscheidungen für seine Belegschaft. So wurden Lehrlinge wöchentlich nach Arbeitsqualität, Betragen, Fleiß, aber auch Sauberkeit, Verständigkeit oder Verantwortung bewertet und mehrfach im Jahr eine Rangliste innerhalb der Schulklasse erstellt. Nur Absolventen der „Schule der Arbeit“ und langjährige Angestellte konnten von der Werkhalle in verantwortliche Posten aufsteigen. Frauen waren in dieser Hierarchie lediglich als einfache Arbeiterinnen vorgesehen – seltener als Erzieherinnen. Einem US-amerikanischen Familienideal folgend, waren Baťas „neue Männer“ die alleinigen Brotverdiener und ihre Frauen auf den Haushalt beschränkt. Tatsächlich etablierte Baťa also eine ausdifferenzierte Hierarchie, von der nur eine kleine Gruppe männlicher Angestellter das Idealbild eines neuen Menschen erfüllte.

Für das „social engineering“ Baťas waren die Einwohner Zlíns lediglich Objekte. Sie selbst dagegen identifizierten sich mit der Stadt und eigneten sich die Utopie des neuen und industriellen Menschen selbstbewusst an. So formulierten einige jugendlichen Bewerber weiterreichende Lebensziele: sie wollten nicht nur ein „guter Arbeiter“ oder „ordentlicher Staatsbürger“ werden, sondern auch „Unternehmer“oder „Flugzeugkapitän“. Der Schriftsteller Ludvík Vaculík, von 1941 bis 1945 Lehrling bei Baťa, kritisierte die strenge Ausbildung und die „geistlosen“ Erzieher. Zugleich schwärmte er von der Bildung und den Erfahrungen, die ihm die Stadt bot. Seine Kritik an der „Schule der Arbeit“ mit den Sinnsprüchen des Firmengründers zeigt, dass die Zlíner die ideale Industriestadt durchaus eigen-sinnig umdeuten konnten.

Ein privatwirtschaftlicher „neuer Mensch“ (Bedeutungen)

In den 1930er-Jahren war Zlín eine europa- und weltweit wahrgenommene Modellstadt, die zahlreiche internationale Besucher anzog. Damit symbolisierte sie die Fortschrittlichkeit der neugegründeten Tschechoslowakei. Auch in der Krise der Republik am Vorabend des Zweiten Weltkriegs blieb sie bemerkenswert stabil: 1938/39 hoffte Jan Antonín Baťa, der Nachfolger des Firmengründers, das Zlíner Modell auf die gesamte Republik auszudehnen. Er scheiterte damit aber in der kurzlebigen und autoritären Zweiten Republik. Unter nationalsozialistischer Besetzung passte sich das Unternehmen den neuen Machtverhältnissen an. Ausbildung und Sozialkontrolle konnten nahezu unverändert fortgesetzt werden und überdauerten bis in die ersten Jahre des Staatssozialismus in der Tschechoslowakei. Welche symbolische Bedeutung Zlín hatte, zeigte sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Nicht nur das Unternehmen wurde verstaatlicht und umbenannt, sondern auch der Name Zlín verschwand: seit 1949 hieß die Stadt zu Ehren des kommunistischen Staatspräsidenten Klement Gottwald „Gottwaldov“.

Der revolutionäre Anspruch des privatwirtschaftlichen Sozialexperiments in Zlín zeigt sich im Vergleich zu anderen Fabrik- und Firmenstädten. Baťa war wie viele andere Unternehmen bevormundend und autoritär seinen Beschäftigten gegenüber, strebte aber mehr an als bloße Kontrolle oder die Rückkehr zu einer vorindustriellen Idylle. Die utopische, hochmoderne Großstadt zielte auf eine andere Gesellschaft. Zlín reiht sich damit in die großen staatlichen Projekte eines „neuen Menschen“ im 20. Jahrhundert ein.

weiterführende Literatur

Theresa Adamski, Der Pionier. Konstruktionen von Arbeit und Männlichkeiten in der deutschsprachigen Zeitung der Firma Baťa 1935–1939, in: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 67 (2018), S. 349–373. URL: <https://www.zfo-online.de/portal/index.php/zfo/article/view/10415/10414>.

Thomas Etzemüller, Social Engineering, Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 11.02.2010, URL:<http://dx.doi.org/10.14765/zzf.dok.2.1112.v2>.

Gregor Feindt, Eine „ideale Industriestadt“für „neue tschechische Menschen“. Baťas Zlín zwischen Planung und Alltag, 1925–1945, in: Gregor Feindt u.a. (Hg.), Kulturelle Souveränität. Politische Deutungs- und Handlungsmacht jenseits des Staates im 20. Jahrhundert, Göttingen 2017, S. 109–132.

Jessica E. Merrill, High Modernism in Theory and Practice. Karel Teige and Tomáš Baťa, in: Slavic Review 76 (2017), S. 428–454.

Martin Jemelka/Ondřej Seveček, The Utopian Industrial City. The Case of the Baťa City of Zlín (Republic of Czechoslovakia), in: Clemens Zimmermann (Hg.), Industrial cities. History and future, Frankfurt/M. 2013, S. 235–261.

Einzelnachweise

    1. Antonín Cekota, Do nové práce, Zlín 1930, S. 6.

Zitierempfehlung

Gregor Feindt, Zlín, in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2020. URL: https://ieg-differences.eu/ortstermine/gregor-feindt-zlin, URN: urn:nbn:de:0159-2020102956.

Dieser Text ist lizensiert unter: CC by-nc-nd 4.0 international (Namensnennung, keine kommerzielle Nutzung, keine Bearbeitung).

Abbildungsnachweis

https://www.flickr.com/photos/sludgeulper/4254867350/. Lizenz: Attribution-ShareAlike 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0)