Kreisau / Krzyżowa

von Gregor Feindt

Inhaltsverzeichnis

Teilnehmende der Versöhnungsmesse am 12.11.1989, Aufnahme: Andrzej Ślusarczyk, 1989.

1 Ein kleiner Ort in Niederschlesien (Konstellationen)
2 Ein vielschichtiges Dorf (Differenzen)
3 Symbol der deutsch-polnischen Versöhnung (Bedeutungen)
4 Weiterführende Literatur
5 Zitierempfehlung

Ein kleiner Ort in Niederschlesien (Konstellationen)

Kreisau ist ein kleiner Ort in Niederschlesien. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war das Dorf deutsch, seitdem liegt es in Polen und heißt Krzyżowa. Durch das 20. Jahrhundert hindurch wurde Kreisau Schauplatz wichtiger Begegnungen, großer Politik und zivilgesellschaftlicher Initiativen: auf dem Gut der Familie von Moltke kam eine der bedeutendsten Gruppen des deutschen Widerstands gegen den Nationalsozialismus, der Kreisauer Kreis, zu Besprechungen zusammen, und hier trafen sich 1989 wenige Tage nach dem Fall der Berliner Mauer Bundeskanzler Helmut Kohl und der erste nicht-kommunistische Premierminister Polens, Tadeusz Mazowiecki. Damit steht Kreisau stellvertretend für die deutsch-polnische Geschichte, für Konfrontation und Misstrauen, vor allem aber für Annäherung.

Die Ideen des Kreisauer Kreises für eine demokratische und friedliche Neuordnung wirkten in der Nachkriegszeit weiter. In der jungen Bundesrepublik erkannten Interessierte in den Kreisauern Vorbilder für die entstehende Demokratie. In der DDR und Polen fanden gerade kirchlich Engagierte in den Programmen des Widerstands Anregungen für die eigene Opposition gegen den Staatssozialismus. Im Austausch zwischen diesen Gruppen und anderen Menschen aus Europa und den USA entstand die Idee, in Kreisau eine internationale Begegnungsstätte zu errichten. Mitten im Umbruch des Jahres 1989 konnten sie die Unterstützung der polnischen und der westdeutschen Regierung gewinnen und gründeten die Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung.

Ein vielschichtiges Dorf (Differenzen)

In Deutschland und Polen wird Kreisau unterschiedlich wahrgenommen. In Deutschland steht besonders der Kreisauer Kreis im Zentrum der Erinnerung. Die Widerstandsgruppe um Helmuth James von Moltke und Peter Yorck von Wartenburg versammelte zwischen 1942 und 1944 liberale Adlige, Katholiken, Protestanten und Sozialisten, um gemeinsam Staat, Recht und Gesellschaft in einem Deutschland nach Hitler vorzubereiten. Ausgehend von den „kleinen Gemeinschaften“ strebten die Kreisauer die Abkehr vom Obrigkeitsstaat, die Wiederrichtung des Rechtsstaats und eine friedliche Zusammenarbeit innerhalb Europas an.

Hinzu kommt eine preußische Geschichte des Ortes, der seit 1867 Wohnort des Generalfeldmarschalls Helmuth von Moltke war, eines Urgoßonkels von Helmuth James von Moltke. Aufgrund von Moltkes herausragender Rolle in den Kriegen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich und damit bei der Reichsgründung 1871, zogen das Schloss in Kreisau und das Grabmal des Generalfeldmarschalls seit Ende des 19. Jahrhunderts Touristen und national denkende Deutsche an. Auch nach 1945 blieb dieses Interesse bestehen, und Reisende besuchten gezielt Kreisau, um dieses deutsche Kulturerbe zu erkunden.

In Polen ist dagegen vor allem die „Versöhnungsmesse“ vom 12. November 1989 mit dem Ort verbunden. Während seines Staatsbesuchs in Polen plante Bundeskanzler Helmut Kohl an einem katholischen Gottesdienst mit der deutschsprachigen Minderheit teilzunehmen. Dabei war Kreisau ein Kompromiss, nachdem der ursprünglich angedachte Annaberg in Schlesien vielfach Kritik hervorgerufen hatte. Denn Annaberg war nicht nur ein katholischer Wallfahrtsort, sondern auch Ort blutiger und propagandistischer Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Polen. Kohl strebte eine öffentlich sichtbare Versöhnung zwischen beiden Ländern an, die der gemeinsam vollzogene katholische Ritus in Kreisau unterstreichen sollte. Zum Friedensgruß umarmten sich beide Regierungschefs und setzten damit stellvertretend für ihre Länder ein Zeichen der Aussöhnung.

Der polnische Premierminister Tadeusz Mazowiecki, ein katholischer Intellektueller und Publizist, hatte sich seit Jahrzehnten für die deutsch-polnische Versöhnung eingesetzt, war aber gegenüber solcher Symbolpolitik zurückhaltend. Aus seiner Sicht gab es im November 1989 in den deutsch-polnischen Beziehungen konkretere Fragen, die zur Aussöhnung beitragen könnten. Ihm war es ein Anliegen, dass die Bundesrepublik die deutsch-polnische Grenze an Oder und Neiße endgültig anerkannte und die geschwächte polnische Wirtschaft unterstützte.

Die unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen Gruppen, die sich bereits während des Kalten Kriegs für die Ideen des Kreisauer Kreises und den Ort Kreisau interessiert hatten, sind dagegen weitgehend unbekannt. Für sie war die Versöhnungsmesse ein glücklicher Zufall, der das Interesse der großen Politik auf ihr Anliegen lenkte, auf dem alten Gutshof eine internationale Jugendbegegnungsstätte zu errichten. In der Euphorie des politischen Umbruchs in Mittel- und Osteuropa hofften sie auf eine neuartige europäische Gemeinschaft in dem kleinen niederschlesischen Dorf. Dafür waren die Gebäude umfangreich zu renovieren, und sie mussten für die Begegnungsstätte ein Bildungsprogramm entwickeln. Neben den Ideen des Kreisauer Kreis befasste sich das Programm auch mit Oppositionellen und Dissidenten aus dem östlichen Europa, die zwar keine direkten Verbindung mit dem Ort hatten, deren Geschichte aber eine gemeinsame deutsch-polnische Diskussion ermöglichen sollte.

Symbol der deutsch-polnischen Versöhnung (Bedeutungen)

Heute ist Kreisau ein Symbol der deutsch-polnischen Versöhnung. Die unterschiedliche Wahrnehmung des Ortes ermöglicht einen Dialog, der die Geschichtsbilder in beiden Ländern zur Sprache bringt und damit ein besseres gegenseitiges Verständnis anregt. Der Friedensgruß der Regierungschefs war auch ein Versprechen, die gemeinsamen Beziehungen auf eine neue Grundlage in Europa zu stellen und die deutsch-polnischen Beziehungen zu verbessern – ein Versprechen, das erst in den 1990er-Jahren eingelöst wurde. Auch heute ist Kreisau für Politikerinnen und Politiker ein häufiges Ziel für deutsch-polnische Treffen, also ein Ort des Gesprächs, der Auseinandersetzung und der Verständigung.

Zudem zeigt Kreisau die Bedeutung von Akteuren aus der Zivilgesellschaft für die deutsch-polnischen Beziehungen, die sich aus einer christlichen, humanistischen oder wissenschaftlichen Motivation oder aus persönlichen Verbundenheit für eine Annäherung einsetzten. Rund um den Ort Kreisau standen diese Menschen auch in einem europäischen und transnationalen Austausch. Die heutige Begegnungsstätte knüpft an diese Wurzeln an und veranstaltet nicht nur deutsch-polnische, sondern auch internationale Programme.

weiterführende Literatur

Piotr Burgoński / Gregor Feindt / Bernhard Knorn, Versöhnung symbolisch kommuniziert. Die Messe in Kreisau am 12. November 1989, in: Urszula Pękala / Irene Dingel (Hg.), Ringen um Versöhnung. Religion und Politik im Verhältnis zwischen Deutschland und Polen 1945–2010, Göttingen 2018, S. 49–91.

Waldemar Czachur / Gregor Feindt, Kreisau | Krzyżowa. 1945–1989–2019, Bonn 2019.

Annemarie Franke, Das neue Kreisau. Die Entstehungsgeschichte der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung 1989–1998, Augsburg 2017.

Annemarie Franke / Dominik Kretschmann, Der Friedensgruß von Kreisau. Eine Geste als Versprechen, in: Corine Defrance / Ulrich Pfeil (Hg.): Verständigung und Versöhnung nach dem „Zivilisationsbruch“? Deutschland in Europa nach 1945, Bern 2016, S. 137–156.

Freya von Moltke, Erinnerungen an Kreisau. 1930–1945, München 1997.

Zitierempfehlung

Gregor Feindt, Kreisau, in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2020. URL: https://ieg-differences.eu/ortstermine/gregor-feindt-kreisau, URN: urn:nbn:de:0159-2020121406.

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Abbildungsnachweis

Archiv der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung