Tanga

von Armin Owzar

Inhaltsverzeichnis

 

„Eine Klasse der Regierungsschule in Tanga“, Fotografie/Reproduktion, vor 1911.

1 Eine deutsche Regierungsschule in Tanga (Konstellationen)
2 Kulturkampf in Ostafrika – „Islamfrage“ und Schulpolitik (Differenzen)
3 Rivalität, Paranoia und „Burgfrieden“ (Bedeutungen)
4 Einzelnachweise
5 Weiterführende Literatur

 

 

Eine deutsche Regierungsschule in Tanga (Konstellationen)

1892 wurde in Tanga (heute Tansania) die erste Regierungsschule in Deutsch-Ostafrika gegründet. „Leicht war es nicht!“, vermerkte Lehrer Blank in seinem Bericht über die Anfangsjahre: „Welche Vorurteile, Hindernisse, Widerstände und Gegenströmungen“ habe man überwinden müssen, um „zum Ziel zu gelangen“.[1] Tatsächlich war die mit einem Internat und einem Lehrerseminar größte Regierungsschule der Kolonie immer wieder massiver Kritik ausgesetzt, insbesondere von Seiten derjenigen, die sich in Deutschland für die Mission in Afrika einsetzten. Dies waren vor allem Missionswissenschaftler und christliche Politiker aller Konfessionen. Beispielsweise forderten Vertreter der evangelischen Missionen in den Jahren 1894 und 1895, die Posten für besoldete islamische Religionslehrer zu streichen – mit der Folge, dass ein Lehrer, der in Tanga 1894 für den Koranunterricht eingestellt worden war, schon nach zwei Jahren wieder entlassen werden musste.

Andere Versuche, die Arbeit der Regierungsschulen in Deutsch-Ostafrika einzuschränken, hatten dagegen weniger Erfolg – etwa im Jahr 1900 der Antrag im Deutschen Reichstag gegen die geplante Aufstockung von Lehrerstellen. Eine Resolution, die forderte, verstärkt christliche Afrikaner im Verwaltungsdienst zu beschäftigen, verfehlte ebenfalls ihr Ziel. Denn die Söhne der islamischen Stammesoberhäupter und einflussreichen Familien, die an den Regierungsschulen der ostafrikanischen Küste ausgebildet worden waren, verfügten über ein höheres Bildungsniveau als diejenigen, die eine der christlichen Missionsschulen besucht hatten (die zudem ihre besten Schüler einzubehalten pflegten). Offensichtlich unterschätzten diejenigen, die sich aus der Ferne für die Mission einsetzen wollten, die Sachzwänge, der die Kolonialverwaltung vor Ort ausgesetzt war.

Zwar bauten die Missionen ihr eigenes Schulwesen im kaum erschlossenen Hinterland kontinuierlich auf und aus. Doch es gelang es ihnen kaum, an der islamisch geprägten Küste Fuß zu fassen. So musste eine Missionsschule in Tanga, die 30 bis 40 Schüler beherbergte, nach kurzer Zeit 1906 wieder aufgegeben werden. Hier blieb die Regierungsschule die einzige ernstzunehmende Ausbildungsstätte für den Nachwuchs, den die Verwaltung so dringend benötigte. Immerhin erkannten Missionare wie Siegfried Delius den „vorzüglichen Unterricht“ an der Regierungsschule an und würdigten diese sogar als „wichtigen Bundesgenossen im Kampf gegen den Islam“.[2] Aber auch Delius unterschied grundsätzlich zwischen der „religionslosen“ Regierungsschule in Tanga und einer zwischenzeitlich neugegründeten christlichen Stationsschule: Die Regierungsschule sei eine Institution, die nur männliche, meist muslimische Jugendliche zu Hilfsfunktionären ausbilde, ihnen aber eine wahre Seelenbildung verwehre. Die Stationsschule hingegen sei eine Lehranstalt, die sowohl indigene Jungen als auch Mädchen zu Christen und damit erst zu vollwertigen Menschen heranziehe. Denn ohne den christlichen Glauben, so Delius, blieben die Schüler „hinter dem Europäer in jeder Weise zurück“.[3]

Kulturkampf in Ostafrika – „Islamfrage“ und Schulpolitik (Differenzen)

In dieser Gegenüberstellung zeigte sich ein Grundsatzkonflikt, der zu diesem Zeitpunkt schon seit Jahrzehnten im fernen Deutschland ausgetragen wurde. Schließlich handelte es sich bei der Schulpolitik um ein Politikfeld, das spätestens seit dem preußischen „Kulturkampf“ im Deutschen Reich besonders umstritten war. Auf evangelisch-konservativer wie katholischer Seite wollte man die Stellung der Kirche gegen den allumfassenden Machtanspruch des Staats verteidigen und die konfessionsgebundene Schule als Erziehungs- und Ausbildungsinstanz uneingeschränkt nutzen. Das galt nun auch für Deutsch-Ostafrika.

In Tanga wurde dieser Konflikt von einer Rivalität zwischen Christentum und Islam überlagert. Denn seit den 1890er-Jahren war die Kolonialverwaltung dazu übergegangen, vornehmlich aus dem Sudan stammende Söldner anzuwerben und die in den Küstengebieten lebenden Swahili für administrative und pädagogische Aufgaben auszubilden. Dadurch war eine muslimisch-afrikanische Zwischenschicht entstanden, die den Islam auch für Angehörige der traditionellen Glaubensgemeinschaften attraktiv machte.

Zwar stellten Muslime nur etwa vier Prozent der Gesamtbevölkerung Deutsch-Ostafrikas; sie waren damit aber zahlreicher vertreten als die Christen (1,2 % Katholiken und 0,8 % Protestanten). Deshalb warnten nun vor allem die Missionslobbyisten in Deutschland vor einer schleichenden Islamisierung, für die sie vor allem die Schul- und Personalpolitik der Kolonialverwaltung verantwortlich machten.

Rivalität, Paranoia und „Burgfrieden“ (Bedeutungen)

Ungeachtet aller Appelle, die auf eine religiöse wie moralische Unterlegenheit des Islam abhoben und ihn als sicherheitspolitisches Risiko auswiesen, hielt die Kolonialverwaltung an ihrer Personalpolitik fest. Dass die Missionslobbyisten den ostafrikanischen Muslimen seit 1908 verstärkt vorwarfen, einen „Djihad“ gegen die deutsche Kolonialherrschaft anzetteln zu wollen, konnte daran nichts ändern. Noch rückblickend wies Dr. Heinrich Schnee, der letzte Gouverneur Deutsch-Ostafrikas, die Vorstellung zurück, afrikanische Muslime seien fanatische Glaubenskrieger gewesen. Tatsächlich sollten die Kolonialbeamten zu keinem Zeitpunkt an der Loyalität der muslimischen Soldaten und Fachkräfte zweifeln.

Das blieb nicht ohne Folgen für die interkonfessionellen Beziehungen. Jahrzehntelang war das Verhältnis der katholischen und der evangelischen Mission sowohl in Ostafrika als auch in Deutschland von Konkurrenzdenken und Ressentiments bestimmt gewesen. Seit der Jahrhundertwende aber begannen sich die Missionslobbyisten anzunähern. Während die Konkurrenz zwischen evangelischen und katholischen Missionen in Deutsch-Ostafrika um die „Islamfrage“ lediglich ergänzt wurde, ließ in Deutschland, der „Metropole“, die interkonfessionelle Rivalität nach. Schließlich schlossen christliche Politiker und Missionswissenschaftler im Zeichen der sogenannten Islamfrage einen informellen „Burgfrieden“.

Nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg und dem Verlust aller Kolonien hatte der Islam als Feindbild ausgedient. Nun löste sich das Bündnis der Missionslobbyisten im Reich auf, und die Konkurrenz zwischen den christlichen Konfessionen nahm auch in Ostafrika wieder zu. Jenseits aller Konflikte gab es hier aber zwischen Katholiken, Protestanten und Moslems immer auch einen Willen, einander zu respektieren. Dieser Wille war nicht nur pragmatisch, sondern auch religiös begründet. Schließlich, so der Gedanke, gebe es nur einen Gott oder, wie es auf Swahili heißt: „Mungu ni mmoja“.[4]

weiterführende Literatur

Jürgen Becher, Dar-es-Salaam, Tanga und Tabora. Stadtentwicklung in Tansania unter deutscher Kolonialherrschaft (1885–1914), Stuttgart 1997.

Johanna Eggert, Missionsschule und sozialer Wandel in Ostafrika. Der Beitrag der deutschen evangelischen Missionsgesellschaften zur Entwicklung des Schulwesens in Tanganyika 1891–1939, Bielefeld 1970.

Jörg Haustein, Provincializing Representation. East African Islam in the German Colonial Press, in: Felicitas Becker/Joel Cabrita/Marie Rodet, Marie (Hg.), Religion, Media, and Marginality in Modern Africa, Athens/OH 2018, S. 70–92.

Armin Owzar, Die langen Schatten des Kulturkampfes. Katholizismus, Protestantismus und Islam in Deutsch-Ostafrika, in: Jahrbuch der Gesellschaft für Überseegeschichte 17 (2017), S. 137–163.

Michael Pesek, Koloniale Herrschaft in Deutsch-Ostafrika. Expeditionen, Militär und Verwaltung seit 1880, Frankfurt/Main-New York 2005.

Einzelnachweise

1. Bericht des Lehrers Blank an den Präsidenten der Deutschen Kolonialgesellschaft über die Regierungsschule in Tanga vom 1. August 1899, zitiert nach Christel Adick/Wolfgang Mehnert (Hg.) unter Mitarbeit von Thea Christiani, Deutsche Missions- und Kolonialpädagogik in Dokumenten. Eine kommentierte Quellensammlung aus den Afrikabeständen deutschsprachiger Archive 1884–1914, S. 196–200, hier S. 197.

2.  Siegfried Delius, „Mission und Regierungsschule im Kampf gegen den Islam“. Artikel aus der Usambara-Post über die Schulen in Tanga, in: Schulfragen (Oktober 1906), abgedruckt in Johanna Eggert, Missionsschule und sozialer Wandel in Ostafrika. Der Beitrag der deutschen evangelischen Missionsgesellschaften zur Entwicklung des Schulwesens in Tanganyika 1891–1939, Bielefeld 1970, S. 306–308, hier S. 307f.

3.  Siegfried Delius, Gute Saat auf hartem Boden. Bilder aus der Missionsarbeit in Tanga, Bethel 2. Aufl. 1911, S. 41.

4.  Zitiert nach Felicitas Becker, Becoming Muslim in Mainland Tanzania, 1890–2000, Oxford-New York 2008, S. 127.

Zitierempfehlung

Armin Owzar, Tanga, in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2019. URL: https://ieg-differences.eu/ortstermine/armin-owzar-tanga/, URN: urn:nbn:de:0159-2019120403.

Dieser Text ist lizensiert unter: CC by-nc-nd 4.0 international – Namensnennung, keine kommerzielle Nutzung, keine Bearbeitung.

Abbildungsnachweis

„Eine Klasse der Regierungsschule in Tanga“, Fotografie/Reproduktion, vor 1911. Aus: Siegfried Delius, Gute Saat auf hartem Boden. Bilder aus der Missionsarbeit in Tanga, Bethel 2. Aufl. 1911, S. 37.