Zürich

von Andrea Hofmann

Zwinglidenkmal in Zürich
Zwinglidenkmal in Zürich

Inhaltsverzeichnis

1 Der Beginn der Reformation in Zürich (Konstellationen)
2 Die Profilbildung der Zürcher Reformation (Differenzen)
3 Innerprotestantische Annäherungen (Bedeutungen)
4 Weiterführende Literatur
5 Zitierempfehlung

Der Beginn der Reformation in Zürich (Konstellationen)

Zürich war zu Beginn des 16. Jahrhunderts einer der wichtigsten Stände der Schweizerischen Eidgenossenschaft, einem komplizierten Bündnis- und Vertragssystem aus 13 vollberechtigten Bündnispartnern. Die sog. Stände oder Orte waren prinzipiell selbständig, verpflichteten sich jedoch im Kriegsfall zur gegenseitigen Unterstützung und unterhielten zudem jeweils eigene Verträge mit umliegenden Territorien. Zürich stand unter der geistlichen Oberherrschaft des Bistums Konstanz, hatte aber seit dem Spätmittelalter zunehmend an Eigenständigkeit gewonnen.

Seit dem Jahr 1519 war der im Toggenburg geborene Huldrych Zwingli (1484–1531) am Zürcher Großmünster tätig. Mit seinen Predigten leitete er die Reformation in Zürich ein. 1523 legte er in der Ersten Zürcher Disputation die Grundzüge der neuen Lehre dar. Der Zürcher Rat als politische Obrigkeit erteilte Zwingli daraufhin offiziell die Erlaubnis, „evangelisch“ zu predigen, und nahm erste institutionelle Änderungen zu einer grundlegenden Reform vor: Klöster wurden aufgelöst und in Schulen umgewandelt oder zur Armenfürsorge genutzt. Es entstand das Zürcher Ehegericht, das über Streitfragen zur Ehe und anderen moralischen Sachverhalten entschied.

Durch diese Aktionen verlor die alteingessene Kirche an Einfluss. Zwingli selbst wirkte im Verlauf der Zürcher Reformation als Impulsgeber, während die konkrete Durchführung stets dem Rat oblag. In der Eidgenossenschaft kam es zwischen den Orten, die beim alten Glauben blieben und denen, die der neuen Lehre folgten, zu Konflikten, die militärisch ausgetragen wurden.

Die Profilbildung der Zürcher Reformation (Differenzen)

Die Zürcher Reformation stellt sowohl hinsichtlich ihrer Lehre als auch ihrer Durchführung einen Gegenpol zur Wittenberger Reformation dar. In ihrem Verlauf sind eine Vielzahl von Differenzen auszumachen, die einerseits die theologischen Aushandlungsprozesse zwischen Lutheranern, Katholiken und Täufern um die rechte Lehre und andererseits die institutionelle Durchführung der Reformation und die Stellung Zürichs innerhalb der Eidgenossenschaft betreffen. Zwei dieser Differenzen, eine theologischer Art, die andere politisch, sollen exemplarisch dargestellt werden.

Zwingli sah zu Beginn seines Wirkens in Martin Luther (1483–1546) vermutlich einen Gesinnungsgenossen für die Ausbreitung der neuen Lehre. 1526 begann jedoch ein Austausch von Streitschriften beider Reformatoren über die Deutung des Abendmahls. Dieser Streit sollte 1529 im Marburger Religionsgespräch, das Landgraf Philipp von Hessen (1504-1567) initiiert hatte, beigelegt werden. Als Ergebnis wurden die sog. Marburger Artikel formuliert. Zwar konnten sich Luther und Zwingli in 14 Punkten einigen, in der Abendmahlslehre blieben jedoch die Unterschiede unversöhnt bestehen. Gegenstand des Streites war die Frage, inwiefern Christus selbst in den Elementen Brot und Wein, die beim Abendmahl gereicht wurden, real anwesend sein könne.

Zwingli vertrat in der Kontroverse eine strikte Unterscheidung zwischen der göttlichen und der menschlichen Natur Christi. Im Abendmahl werde durch den Glauben allein die geistliche Gegenwart Christi vermittelt. Das Sakrament galt Zwingli als Erinnerung und Bekenntnis des Gläubigen. Dagegen beharrte Luther auf der Realpräsenz beider Naturen Christi in Brot und Wein. Eine Einigung zwischen den Wittenberger und Zürcher Theologen konnte auf dieser Basis nicht erziehlt werden. Die innerevangelischen Lehrdifferenzen führten letztendlich zur Ausbildung zweier evangelischer Konfessionen.

Auf politischer Ebene musste sich Zürich zugleich in seiner Stellung innerhalb der Eidgenossenschaft behaupten. St. Gallen, Schaffhausen, Basel, Bern, Mühlhausen und Biel traten ebenfalls zur Reformation über und gingen gemeinsam mit Zürich 1528 ein Bündnis ein, das „Christliche Burgrecht“. Die übrigen Orte der Eidgenossenschaft, die beim alten Glauben blieben, schlossen sich 1529 mit Ferdinand von Österreich (1503-1564) zur „Christlichen Vereinigung“ zusammen. Zwingli wollte erreichen, dass die Gemeinden selbst über ihren Glauben und damit die Einführung der Reformation entscheiden durften. Die altgläubigen Orte wollten dagegen den Evangelischen die Bündnisse aufkündigen. 1529 kam es zum Ersten Kappeler Krieg zwischen den Parteien, der am 25. Juni 1529 mit dem Ersten Kappeler Landfrieden beschlossen wurde. Die Auseinandersetzungen waren damit keineswegs beigelegt, sondern führten 1531 zum Zweiten Kappeler Krieg, in dem auch Zwingli getötet wurde.

Innerprotestantische Annäherungen (Bedeutungen)

Der Zweite Kappeler Krieg wurde am 16. November 1531 durch den Zweiten Kappeler Landfrieden beendet. Er legte fest, dass die Religionshoheit bei den regierenden Orten in ihren Gebieten lag. Eine vergleichbare Regelung wurde für das Heilige Römische Reich deutscher Nation erst mit dem Augsburger Religionsfrieden (1555) erreicht. Die Eidgenossenschaft wurde durch den Zweiten Kappeler Landfrieden wieder hergestellt, und die Reformation konnte sich in einigen Orten weiter etablieren. In Zürich geschah dies unter der Federführung von Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger (1504–1575). 1532 entstand die Zürcher Kirchenordnung, 1536 in Zusammenarbeit u.a. mit dem Straßburger Theologen Martin Bucer (1491–1551) die „Confessio Helvetica prior“, die ein erstes Bekenntnis für die Schweizer Reformierten formulierte.

Nachdem durch das Wirken Johannes Calvins (1509–1564) in Genf ein weiterer Zweig der Schweizerischen Reformation entstanden war, ermöglichte der „Consensus Tigurinus“ (1549) eine Einigung zwischen Genfer und Zürcher Reformation. Damit begannen die Reformierten, ihre inneren Differenzen beizulegen und sich gegenüber dem lutherischen und dem alten (katholischen) Glauben zu positionieren. Die „Confessio Helvetica posterior“ (1561) wurde schließlich neben dem Heidelberger Katechismus zu einer der wichtigsten Bekenntnisschriften des Reformiertentums.

Zürich steht in der Geschichte sowohl in politischer als auch in theologischer Sicht exemplarisch für die „andere Reformation“ in der Schweiz im Gegensatz zur lutherischen Reformation und Bekenntnisbildung im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation. Zugleich zeigt das Beispiel Zürichs, wie innerevangelische Auseinandersetzungen diskutiert und ausgehandelt wurden. Während mit den Anhängern der Genfer Reformation früh ein Weg zur Einigung gefunden werden konnte, blieben die Differenzen mit den Lutheranern lange bestehen. Erst 400 Jahre später wurde mit der Leuenberger Konkordie von 1973 erreicht, dass die Unterschiede in der Abendmahlslehre zwischen Lutheranern und Reformierten nicht mehr als kirchentrennend wahrgenommen werden.

weiterführende Literatur

Fritz Büsser, Wurzeln der Reformation in Zürich. Zum 500. Geburtstag des Reformators Huldrych Zwingli, Leiden 1985.

Emidio Campi, The Reformation in Zurich, in: Amy Nelson Burnett / Emidio Campi (Hg.), A Companion to the Swiss Reformation, Leiden u.a. 2016, S. 59–125.

Gottfried Wilhelm Locher, Zwingli und die schweizerische Reformation, Göttingen 1982.

Peter Opitz, Ulrich Zwingli. Prophet, Ketzer, Pionier des Protestantismus, Zürich 2015.

Alfred Schindler, Art. Zürich, in: Theologische Realenzyklopädie 36 (2004), S. 744–754.

Zitierempfehlung

Andrea Hofmann, Zürich, in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2016. URL: http://www.ieg-differences.eu/ortstermine/andrea-hofmann-zuerich, URN: urn:nbn:de:0159-20161020498.

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Abbildungsnachweis

Foto: Sidonius. Lizenz: CC BY-SA 2.5