Safenwil (Aargau)

Evangelische Kirche Safenwil
Evangelische Kirche Safenwil

von Andrea Hofmann

Inhaltsverzeichnis

1 Der Erste Weltkrieg in der Schweizer Provinz (Konstellationen)
2 Krieg als reliöses Erweckungserlebnis? Nationale, politische und theologische Differenzen
3 Ein öffentlicher Briefwechsel und eine neue Theologie (Bedeutungen)
4 Weiterführende Literatur
5 Einzelnachweise
6 Zitierempfehlung

Der Erste Weltkrieg in der Schweizer Provinz (Konstellationen)

Nach seinem Theologiestudium in Bern, Berlin, Tübingen und Marburg wurde der reformierte Theologe Karl Barth (1886–1968) im Jahr 1911 Gemeindepfarrer in Safenwil (Aargau). Barth verbrachte in diesem Ort insgesamt zehn Jahre, die ihn entscheidend prägten. Zum einen verfasste er hier seinen Römerbriefkommentar (1919/1922), der ihn bekannt machte; zum anderen bildete er sein soziales und politisches Bewusstsein aus, das auch seine Theologie beeinflussen sollte. Safenwil war eine Bauern- und Arbeitergemeinde, die durch Fabrikgründungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine zunehmende Industrialisierung erfuhr. Barth wurde als Gemeindepfarrer ständig mit den schlechten Bedingungen der Arbeiter konfrontiert. Die Auseinandersetzung u.a. mit dem schweizerischen religiösen Sozialismus und der Gewerkschaftsbewegung führten 1915 zu seinem Eintritt in die Sozialdemokratische Partei der Schweiz.

Derartig geprägt und von der schweizerischen, neutralen Seite aus ins Deutsche Kaiserreich blickend, erlebte Barth den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Er reagierte geschockt auf die Kriegsbegeisterung der deutschen protestantisch-liberalen Theologen, seiner ehemaligen akademischen Lehrer. Mit dem „Manifest der 93 Intellektuellen“ (1914) bekundeten auch viele evangelische Theologieprofessoren ihre Zustimmung zur deutschen Kriegsführung. Eine Ausnahme war der Marburger Theologe Martin Rade (1857–1940), der das Manifest nicht unterzeichnete. Er betonte zwar die Notwendigkeit des Krieges und sah diesen als Ausdruck des göttlichen Willens an, stimmte aber nicht ganz so fanatisch wie seine Kollegen in die Begeisterung über den Kriegseintritt ein. Mit Rade verband Barth eine enge Freundschaft, die sich in einem Briefwechsel niederschlug. Dieser begann im Jahr 1908, als Barth die Stelle als Redaktionsgehilfe der von Rade herausgegebenen Zeitschrift „Christliche Welt“ antrat, und endete 1940 mit Rades Tod.

Krieg als reliöses Erweckungserlebnis? Nationale, politische und theologische Differenzen

Ab August 1914 war der freundschaftliche Meinungsaustausch, der theologische, politische und private Themen umfasste, durch die unterschiedliche Positionierung der beiden Theologen zum Kriegsbeginn bestimmt. Barth empfand die Haltung der deutschen evangelischen Theologen im Krieg als „Ärgernis“[1]. Er wollte sich nicht zu den politischen Konstellationen äußern, plädierte aber dafür, politische und religiöse Interessen strikt voneinander zu trennen. Ein Krieg könne aus politischen Gründen notwendig sein, nie sollte er aber als Gottes Willen betrachtet werden.

Rade hingegen sah, wie die meisten deutschen Bürger, das Recht des Deutschen Reiches in diesem Krieg als gottgegeben an. Diese Meinung kritisierte Barth. Am schlimmsten erschien ihm Rades „fromme Kriegsfertigkeit“[2], die Patriotismus und christlichen Glauben vermischte. Während Rade den Krieg als religiöses Erlebnis deutete, lehnte Barth das „Deutsch-Religiöse“[3] in der deutschen protestantischen Theologie ab. Rade nahm das Christentum in die Pflicht, an der Weltpolitik mitzuwirken. Nur so könne zumindest zwischen den christlichen Völkern Frieden geschaffen werden. Er argumentierte damit auf der Linie der liberalen Theologie, die eine enge Beziehung zwischen Christentum und Staat sah und die Verwirklichung und Mitwirkung des Christentums in der Welt und somit auch an der Weltpolitik forderte.

Ihre unterschiedliche Kriegsdeutung erklärte Rade damit, dass es Barth als Schweizer an Verständnis für das Nationalbewusstsein des deutschen Volkes fehle. Die Schweiz sei als neutraler Staat nicht so unmittelbar vom Krieg betroffen wie das Deutsche Reich. Gerade zwischen den deutschen und den schweizerischen Sozialdemokraten bestünden erhebliche Unterschiede. Die deutsche SPD habe aufgrund der gewaltigen Ereignisse, die zum Krieg geführt hätten, ihre Ablehnung des Krieges überwunden, während diese Erfahrung bei den Schweizer Sozialdemokraten ausgeblieben sei. Obwohl Rade den deutschen Kriegseintritt also befürwortete, stand er mit seiner gemäßigten Kriegsbegeisterung eher am Rande der deutschen Theologie und wurde deshalb von seinen deutschen Kollegen kritisiert.

Im Verlauf des Krieges wandte sich Rade immer mehr von der Position der deutschen Theologen ab und näherte sich den Ansichten Barths an, auch wenn eine Übereinstimmung zwischen beiden bis 1918 nicht erreicht wurde. Der Briefwechsel zeigt außer nationalen und politischen Differenzen zu Beginn des Ersten Weltkriegs die Probleme zwischen zwei theologischen Positionen und Generationen auf: Der Lutheraner Rade setzte mit der Berufung auf Luthers Obrigkeitslehre andere Akzente als der Reformierte Barth, der sich für eine konsequente Trennung von Theologie und Politik aussprach. Trotz der unterschiedlichen politischen und theologischen Meinungen ist der Briefwechsel durch das freundschaftliche Verhältnis der beiden Theologen bestimmt. Sie bemühten sich, Differenzen aus ihrer Sicht zu benennen, zugleich aber die Meinung des Anderen zu respektieren.

Ein öffentlicher Briefwechsel und eine neue Theologie (Bedeutungen)

Der Briefwechsel wurde von zwei prominenten protestantischen Theologen verfasst und blieb keine Privatangelegenheit. Teile daraus wurden im Krieg zeitnah in der schweizerischen religiös-sozialen Zeitschrift „Neue Wege“, der deutschen „Zeitschrift für Theologie und Kirche“ und der „Christlichen Welt“ abgedruckt, so dass der Gedankenaustausch in der Schweiz und im Deutschen Reich einem breiten Fachpublikum bekannt wurde. Vor allem Barths akademische Lehrer reagierten mit Unverständnis auf die Haltung ihres ehemaligen Studenten und versuchten, ihn durch die Zusendung eigener Kriegsschriften von ihren Ansichten zu überzeugen. Der Briefwechsel zwischen Rade und Barth steht beispielhaft für die Auseinandersetzung mit der religiösen Überhöhung, die der Erste Weltkrieg durch deutsche Theologen erfuhr. Zugleich dokumentiert er einen Generationenwechsel innerhalb der protestantischen Theologie: von der liberalen zur dialektischen Wort-Gottes-Theologie, die sich unter Barths Mitwirkung nach dem Krieg entfaltete.

weiterführende Literatur

Eberhard Busch, Karl Barths Lebenslauf. Nach seinen Briefen und autobiographischen Texten, München 3. Aufl. 1978.

Gregor Etzelmüller, Karl Barth als Europäer und europäischer Theologe, in: Irene Dingel u.a. (Hg.), Die europäische Integration und die Kirchen II. Denker und Querdenker, Göttingen 2012, S. 51–77.

Jochen Fähler, Der Ausbruch des 1. Weltkrieges in Karl Barths Predigten 1913–1915, Bern u.a. 1979.

Georg Plasger, Der Erste Weltkrieg in den Predigten Karl Barths, in: Hans-Georg Ulrichs (Hg.), Der Erste Weltkrieg und die reformierte Welt, Neukirchen-Vluyn 2014, S. 485–494.

Christoph Schwöbel (Hg.), Karl Barth – Martin Rade. Ein Briefwechsel, Gütersloh 1981, S. 94–147.

Einzelnachweise

  1. Christoph Schwöbel (Hrsg.), Karl Barth – Martin Rade. Ein Briefwechsel, Gütersloh 1981, S. 95.
  2. Schwöbel, Briefwechsel, S. 96.
  3. Schwöbel, Briefwechsel, S. 96.

 

Zitierempfehlung

Andrea Hofmann, Safenwil (Aargau), in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2016. URL: http://www.ieg-differences.eu/ortstermine/andrea-hofmann-safenwil-aargau, URN: urn:nbn:de:0159-20161020386.

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