Heidelberg

Deckblatt des Heidelberger Katechismus, 1563
Deckblatt des Heidelberger Katechismus, 1563

von Andrea Hofmann

Inhaltsverzeichnis

1 Der Beginn der Reformation in der Kurpfalz (Konstellationen)
2 Das unruhige 16. Jahrhundert – Abendmahlsstreitigkeiten und Konfessionswechsel (Differenzen)
3 Ein Zentrum des reformierten Protestantismus (Bedeutungen)
4 Weiterführende Literatur
5 Einzelnachweise
6 Zitierempfehlung

Der Beginn der Reformation in der Kurpfalz (Konstellationen)

Die Universitätsstadt Heidelberg war im 16. Jahrhundert Sitz des pfälzischen Kurfürsten. Wenngleich der Wittenberger Reformator Martin Luther (1483–1546) bereits im Jahr 1518 in der Heidelberger Disputation die Grundlagen seiner Theologie vorgestellt hatte, wurde die Reformation erst 1556 durch Kurfürst Ottheinrich (reg. 1556–1559) offiziell in der Kurpfalz eingeführt. Unter Ottheinrichs Nachfolger Friedrich III. (reg. 1559–1576) wurde Heidelberg im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation zum Zentrum des reformierten Protestantismus, den Huldrych Zwingli (1483–1531) und Johannes Calvin (1509–1564) in Zürich und Genf begründet hatten.

Das unruhige 16. Jahrhundert – Abendmahlsstreitigkeiten und Konfessionswechsel (Differenzen)

Die Einführung und Etablierung der reformierten Konfession in Heidelberg verlief nicht ohne theologische und konfessionspolitische Auseinandersetzungen und Aushandlungsprozesse. Lehrstreitigkeiten zu theologischen Spezialthemen zwischen Lutheranern, Reformierten und Katholiken bestimmten auch die Meinungsbildung der Kurfürsten. Als Beispiel für eine innerprotestantische Differenz kann der Abendmahlsstreit an der Heiliggeistkirche genannt werden, den der lutherische Generalsuperintendent Tileman Heshusius (1527–1588) mit seinen reformierten Kollegen im Jahr 1559 austrug. Er endete mit der Entlassung Heshusius’ durch Kurfürst Friedrich III.

Das Eingreifen des Kurfürsten zeigt, dass der Abendmahlsstreit kein Expertendisput blieb. Vielmehr waren im 16. Jahrhundert Religion bzw. Konfession und Politik eng miteinander verbunden. Nach dem Grundsatz „cuius regio, eius religio“ bestimmte im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation der Kurfürst über die Konfession der Einwohner seines Territoriums und manifestierte damit auch seine eigene Stellung im Reich. In der Kurpfalz war die Entlassung Heshuius’ gleichzeitig eine Absage des Kurfürsten an das Luthertum. Friedrich III. vollzog 1561 offiziell den Übertritt der Kurpfalz vom lutherischen zum reformierten Glauben, als er das Abendmahl nach reformiertem Ritus empfing. Die Verankerung des Reformiertentums in der Bevölkerung wurde in dieser Zeit durch zahlreiche französische und niederländische Glaubensflüchtlinge befördert, die in Heidelberg Asyl fanden und zum wirtschaftlichen Aufschwung beitrugen. Auch die Universität erlebte eine beispiellose Blüte: Renommierte reformierte Professoren aus ganz Europa lehrten hier und zogen eine internationale Studentenschaft an.

1563 erschien erstmals der Heidelberger Katechismus, der hauptsächlich von dem aus Breslau stammenden Theologen Zacharias Ursinus (1534–1583) verfasst worden war. Er erläuterte die Glaubensinhalte des kurpfälzischen Reformiertentums in einer eingängigen Form und bedeutete nicht zuletzt die Abgrenzung von den Katholiken. Die 80. Frage verurteilte die römische Messe als „vermaledeyte Abgötterey“[1]. Mit der Erarbeitung des Katechismus war die Etablierung des Reformiertentums in der Kurpfalz jedoch noch nicht abgeschlossen: Der Nachfolger von Friedrich III., Kurfürst Ludwig VI. (reg. 1576–1583), führte sein Territorium noch einmal zum Luthertum zurück. Die reformierten Professoren mussten Heidelberg verlassen und fanden Zuflucht in Neustadt an der Haardt. Dort hatte Pfalzgraf Johann Casimir (reg. 1559–1592) eine Art Übergangshochschule geschaffen.

1583 wurde Johann Casimir Administrator der Kurpfalz. Er führte in der Kurpfalz wieder den reformierten Glauben ein und holte die Professoren zurück an die Heidelberger Universität. Die Glanzzeit der Stadt Heidelberg und ihrer Universität endete, als Kurfürst Friedrich V. (reg. 1610–1623) 1619 böhmischer König wurde. Dies provozierte den Konflikt mit den Habsburgern. 1622 nahmen sie Heidelberg ein und schlossen die Universität. 1629 wurde sie unter jesuitischer Führung wieder eröffnet. Ihre internationale Ausstrahlung hatte sie verloren.

Ein Zentrum des reformierten Protestantismus (Bedeutungen)

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts galt Heidelberg als „drittes Genf“ und damit als Zentrum des reformierten Protestantismus im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation. Seine Bedeutung hatte es durch durch die Aushandlung und Festlegung theologischer Lehrmeinungen erfahren, die sich auf die Konfessionspolitik der Kurfürsten auswirkten. Dies hatte zur Konsolidierung der reformierten Konfession mit einer besonderen kurpfälzischen Prägung geführt, die durch Einflüsse der Glaubensflüchtlinge aus Frankreich und den Niederlanden sowie durch die Internationalität der in Heidelberg lehrenden Professoren ausgebildet wurde. Nie war die europäische Ausstrahlung Heidelbergs größer als in dieser Zeit. Die Auseinandersetzung zwischen Lutheranern, Katholiken und den unterschiedlichen Ausprägungen des Reformiertentums kulminierten nicht zuletzt in der Entstehung des Heidelberger Katechismus, der bis heute weltweit das wichtigste reformierte Bekenntnis ist.

weiterführende Literatur

Gustav Adolf Benrath, Art. Heidelberg, in: Theologische Realenzyklopädie 14 (1985), S. 574–581.

Volker Hartmann u.a., Heidelberg als kulturelles Zentrum der Frühen Neuzeit. Grundriß und Bibliographie, Heidelberg 2012.

Armin Kohnle, Kleine Geschichte der Kurpfalz, Karlsruhe 5. Aufl. 2014.

Christoph Strohm u.a. (Hg.), Heidelberg und die Kurpfalz, Leipzig 2013.

Christoph Strohm, „Deutsch-reformierte“ Theologie? Die kurpfälzische Reformation im Rahmen der frühneuzeitlichen Konfessionalisierung, in: ders. u.a. (Hg.), Profil und Wirkung des Heidelberger Katechismus, Gütersloh 2015, S. 113–135.

Einzelnachweise

  1. Emil Sehling (Hg.), Evangelische Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts, Bd. 16, Tübingen 2004, S. 358.

Zitierempfehlung

Andrea Hofmann, Heidelberg, in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2016. URL: http://www.ieg-differences.eu/ortstermine/andrea-hofmann-heidelberg, URN: urn:nbn:de:0159-20161020178.

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Abbildungsnachweis

Wikimedia Commons – gemeinfrei