Krakau / Kraków

von Urszula Pękala

Über 600 Jahre lang war Krakau (poln. Kraków, jidd. Kroke) Sitz polnischer Könige, seit über 1.000 Jahren ununterbrochen Bischofssitz, des Weiteren Stadt des Magdeburger Rechts, im Laufe der Jahrhunderte Beute von Tataren, Schweden, Preußen, Russen, Österreichern und Deutschen, Standort der Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft sowie Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2000. Seit Jahrhunderten ist diese Stadt durch den Austausch mehrerer Kulturen (unter anderem der polnischen, jüdischen und deutschen), Religionen und Konfessionen (Katholizismus, Protestantismus, orthodoxes Christentum, Judentum) sowie wissenschaftlicher und philosophischer Strömungen geprägt. Die Erfahrungen der Stadt im Umgang mit dieser Pluralität lassen sich in Krakau besonders an der Geschichte der dortigen Universität und des jüdischen Bezirks ablesen.

Inhaltsverzeichnis

1 Jagiellonen-Universität
1.1 Eine europäische Universität (Konstellationen)
1.2 Eine Universität unter sich wandelnden politischen Bedingungen (Differenzen)
1.3 Über Grenzen hinweg (Bedeutungen)

2 Jüdischer Bezirk Kazimierz
2.1 Juden in Krakau (Konstellationen)
2.2 Jüdisch-christlicher Dialog (Differenzen)
2.3 Ort der Begegnung und der Erinnerung (Bedeutungen)

3 Weiterführende Literatur
4 Zitierempfehlung

Jagiellonen-Universität

Collegium Maius. Seit 1364 Sitz der Krakauer Universität.

Eine europäische Universität (Konstellationen)

Die Krakauer Universität wurde 1364 durch König Kasimir den Großen als die zweitälteste Universität Europas nördlich der Alpen gegründet und 1400 durch König Wladyslaw Jagiello erneuert. Nach ihm wurde sie später Jagiellonen-Universität genannt. In ihrer Blütezeit im 15. Jahrhundert zog sie Studierende aus ganz Europa an. Als sich Krakau im 19. Jahrhundert unter österreichischer Herrschaft befand, strömten Studenten aus der gesamten habsburgischen Monarchie in die Stadt.

Die Universität stellt für viele Polinnen und Polen ein Symbol für das Fortbestehen der polnischen Kultur in den Zeiten dar, als ein polnischer Staat nicht existierte. Dies war zur Zeit der Teilungen Polens (1795–1918) durch die Nachbarstaaten Russland, Österreich und Preußen sowie unter der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg der Fall. Am 6. November 1939 führten deutsche Einheiten die sog. „Sonderaktion Krakau“ durch. Fast 180 Professoren und Dozenten der Universität wurden verhaftet und in Konzentrationslagern inhaftiert. Die Universität selbst wurde geschlossen und die akademische Bildung verboten. Dies war eine der deutschen Maßnahmen zur planmäßigen Zerstörung polnischer Eliten, mit denen Polen auf ihre durch die NS-Ideologie vorgesehene Rolle als ungebildete Sklaven des deutschen „Herrenvolkes“ vorbereitet werden sollten.

Nach dem Krieg lehrten an der wiedereröffneten Universität auch Professoren aus den Universitäten in Vilnius und Lemberg, die aus den von der Sowjetunion annektierten polnischen Ostgebieten vertrieben worden waren. Doch die Nachkriegszeit war für die Universität schwierig. Die kommunistische Regierung versuchte, die Entwicklung der Wissenschaft ihrer Ideologie zu unterordnen. Der internationale wissenschaftliche Austausch wurde durch den Eisernen Vorhang erheblich erschwert, doch nicht vollkommen abgebrochen. Nach der Wende von 1989 gewann die Universität zunehmend ihren internationalen Charakter wieder. Heute zählt sie ca. 50.000 Studierende, auch aus den EU-Ländern, der Ukraine, Belarus sowie aus Afrika und Asien.

Eine Universität unter sich wandelnden politischen Bedingungen (Differenzen)

In der Geschichte der Jagiellonen-Universität lassen sich zwei Formen des Umgangs mit Differenz identifizieren. Erstens zeigt die Geschichte der Universität, welche Rolle Bildung und Kultur für das Selbstverständnis einer Gesellschaft spielen können. Die Differenz wird in diesem Fall als Abgrenzung vom „Anderen“ hergestellt. Diese Abgrenzung kann durchaus ambivalent ausfallen, wenn beispielsweise in der Zwischenkriegszeit an der Universität ein numerus clausus für Juden eingeführt wurde. Sie kann sich aber auch als Widerstand gegen eine externe Gewalt oder ein diktatorisches Regime ausdrücken. Unter der NS-deutschen Besatzung, als Reaktion gegen das Bildungsverbot, organisierte sich die Universität im Untergrund in Form konspirativer Studiengänge. In der Zeit des Kommunismus beteiligten sich Studierende der Universität 1968 und 1981 an den Protesten gegen die kommunistische Regierung Polens. Schließlich unterhielten Krakauer Intellektuelle Kontakte über den Eisernen Vorhang hinaus, vornehmlich nach Frankreich, Westdeutschland und in die USA. Diese Kontakte besaßen über den akademischen Austausch hinaus eine große Bedeutung für die Unterstützung der antikommunistischen Opposition in Polen.

Zweitens steht die Krakauer Universität für internationalen wissenschaftlichen Austausch und kulturellen Transfer. Die Universität brachte Persönlichkeiten hervor, die über Polen hinaus einen festen Platz in der politischen, religiösen und kulturellen Geschichte Europas haben. Hierzu gehören unter anderen der Mitbegründer des internationalen Rechts Paulus Vladimiri (ca. 1370–1435), der Astronom Nikolaus Copernicus (1473–1543), einer der wichtigsten Vertreter der Katholischen Reform in Europa Stanislaus Hosius (1504–1579), der für den Sieg über den Türken 1683 berühmte König Johannes III. Sobieski (1629–1696), der Anthropologe Bronisław Malinowski (1884–1942), der Philosoph Roman Ingarden (1893–1970), Kardinal Karol Wojtyła (als Papst Johannes Paul II., 1920–2005) oder die Literaturnobelpreisträgerin Wisława Szymborska (1923–2012).

Über Grenzen hinweg (Bedeutungen)

Das Motto der Jagiellonen-Universität lautet „Plus ratio quam vis“ (Mehr mit Verstand als mit Kraft). Es lässt sich als eine Einladung zum Dialog nicht nur zwischen unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen und Denkströmungen, sondern auch zwischen Religion und Wissenschaft verstehen. Die Geschichte der Krakauer Universität zeigt exemplarisch, dass kulturelle und gesellschaftliche Verbindungen auch in Zeiten von Krisen und Teilungen über politischen Grenzen hinweg reichen konnten.

Jüdischer Bezirk Kazimierz

Tempel-Synagoge und ein Begegnungszentrum im Krakauer jüdischen Bezirk Kazimierz.

Juden in Krakau (Konstellationen)

Die ersten Juden kamen im 12. Jahrhundert nach Krakau. Vom 14. bis zum 16. Jahrhundert fand eine große Zuwanderung der Juden aus dem deutschsprachigen Raum, Böhmen und Mähren aufgrund der dort erfolgten Vertreibungen statt. Die vorteilhafte Rechtslage und die wirtschaftlichen Möglichkeiten für Juden brachte Polen den Namen „paradisus Iudeorum“ (jüdisches Paradies) ein. Im 19. Jahrhundert unterstützten viele Juden die polnischen Unabhängigkeitsbestrebungen. Allerdings kam es in Krakau im Laufe der Jahrhunderte, so wie in ganz Europa, zu antijüdischen Ausschreitungen. Sie hatten wirtschaftliche oder religiöse Hintergründe. Der innerhalb der katholischen Kirche weltweit präsente Antijudaismus war auch unter manchen Krakauer Katholiken vertreten.

Trotz solcher Spannungen lebte zum Zeitpunkt des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs die Hälfte aller europäischen Juden (ca. 3 Millionen) in Polen, davon ca. 64.000 in Krakau. Die durch die Deutschen auf dem besetzten Gebiet Polens durchgeführte Judenvernichtung zerstörte die 700 Jahre alte jüdische Gemeinde in Krakau fast vollständig. Die Haltungen der polnischen Bevölkerung angesichts der Shoah fielen unterschiedlich aus – von Rettung der Juden, über (mehrheitliche) Passivität bis hin zur Kollaboration mit den Besatzern. Obwohl denjenigen, die Juden halfen, die Todesstrafe drohte, machen die Polen die größte Gruppe der „Gerechten unter den Völkern“ aus (6620 von insgesamt 26119). Den Krieg überlebten fünf Prozent aller Krakauer Juden. Viele von ihnen emigrierten nach Israel und in die USA. Die kommunistischen Machthaber ließen einen langsamen Verfall des jüdischen Bezirks zu. Erst nach der Wende von 1989 erfuhr er eine Erneuerung. Krakau wurde wieder zum Sitz eines Rabbiners und entwickelte sich zu einem Ort des jüdisch-christlichen und jüdisch-polnischen Dialogs. Ein besonderer Förderer dieses Dialogs war der jahrelang in Krakau tätige Jesuitenpater Stanisław Musiał (1938–2004).

Jüdisch-christlicher Dialog (Differenzen)

Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts stellte ein Hauptmotiv der christlichen Abgrenzung vom Judentum die Überzeugung dar, die Christen seien das neue Volk Gottes, welches das alte Volk Gottes Israel ersetze. Den Juden sei nämlich, da sie nicht an Jesus Christus glaubten, der Status des auserwählten Volkes von Gott selbst entzogen worden. Die katholische Kirche verwarf seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) diese Sichtweise auf das Judentum endgültig und forderte Katholiken auf, das Jude-Sein Jesu und somit die jüdischen Wurzeln des Christentums neu zu entdecken sowie die Juden als „ältere Brüder im Glauben“ (Johannes Paul II.) zu respektieren.

Stanisław Musiał bemühte sich darum, dass dieser neue Umgang mit dem Judentum in der kirchlichen Lebenspraxis tatsächlich umgesetzt wurde. In seinen Aktivitäten zielte Musiał erstens darauf, antijüdische Haltungen konkreter Kirchenvertreter aufzudecken und aus der kirchlichen Öffentlichkeit zu eliminieren; zweitens wollte er Gemeinsamkeiten zwischen dem Judentum und dem Christentum identifizieren, um drittens das unüberwindbar Trennende zwischen Juden und Christen (zum Beispiel das christliche Bekenntnis zu Jesus als Sohn Gottes und Messias) im gegenseitigen Respekt offen anzusprechen.

Das Wirken Stanisław Musiałs zeigt, dass der jüdisch-christliche Dialog nicht nur eine interreligiöse Angelegenheit ist, sondern auch eine gesellschaftliche und politische Dimension besitzt. Neben seiner Tätigkeit als Priester war Musiał auch Journalist, Schriftsteller, Mitglied der Kommission der Polnischen Bischofskonferenz zum Dialog mit dem Judaismus und Vorstandsmitglied der Krakauer „Stiftung Judaica – Zentrum für Jüdische Kultur“. Für seine Aktivitäten wurde er durch das Jüdische Wissenschaftliche Institut in New York mit dem „Jan-Karski-und-Pola-Nireńska-Preis“ ausgezeichnet.

Ort der Begegnung und der Erinnerung (Bedeutungen)

Die Geschichte Krakauer Juden und Christen zeigt, dass die Erfahrung von Differenz nicht notwendigerweise Anstoß zu Intoleranz, Feindschaft und Verfolgung geben muss, sondern auch zum Dialog inspirieren kann. Um den Dialog zu fördern, etablierte 2008 der Krakauer Klub der Christen und Juden „Bund“ den „Stanisław-Musiał-Preis“. Er wird gemeinsam vom Rektor der Jagiellonen-Universität, dem Krakauer Oberbürgermeister sowie der Jüdischen Gemeinde in Krakau gestiftet und an Personen und Organisationen verliehen, die sich für den jüdisch-christlichen und polnisch-jüdischen Dialog besonders einsetzen.

Kazimierz, der jüdische Bezirk Krakaus, ist mittlerweile ein Ort der Begegnung. Trotzdem lassen sich hier die langwierigen Folgen der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs nicht übersehen: Durch die Shoah ging das „Polnische Jerusalem“, wie man Krakau einst nannte, in seiner alten Form für immer verloren. Somit wird in Krakau der ambivalente Charakter von Differenzen, die sowohl fruchtbarem Zusammenleben als auch Vernichtung zugrunde liegen können, in einer tiefergreifenden Form fassbar.

weiterführende Literatur

Leszek Hajdukiewicz / Mieczysław Karaś, Die Jagiellonen-Universität. Tradition, Gegenwart, Perspektiven, Krakau 1977.

Wiesław Kozub-Ciembroniewicz (Hg.), Academics of Jewish Heritage in the Modern History of the Jagiellonian University, Krakau 2014.

Gabriele Lesser, Leben als ob. Die Untergrunduniversität Krakau im Zweiten Weltkrieg, Köln 1990.

Jehuda L. Stein, Juden in Krakau. Ein historischer Überblick 1173–1939, Konstanz 1997.

II. Vatikanisches Konzil, Erklärung Nostra aetate über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, 10. Oktober 1965. URL: http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_decl_19651028_nostra-aetate_ge.html (15.08.2016).

Zitierempfehlung

Urszula Pękala, Krakau / Kraków, in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2016. URL: http://www.ieg-differences.eu/ortstermine/urszula-pekala-krakau, URN: urn:nbn:de:0159-20161020227.

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Abbildungsnachweis

Beide Fotos: Urszula Pękala