Breslau / Wrocław

Denkmal von Bolesław Kominek vor dem Breslauer Dom.
Denkmal von Bolesław Kominek vor der Breslauer Kirche St. Maria auf dem Sande.

von Urszula Pękala

Inhaltsverzeichnis

1 Belastetes deutsch-polnisches Verhältnis (Konstellationen)
2 Versöhnung als Neuaufstellung des deutsch-polnischen Verhältnisses (Differenzen)
3 Deutsch-polnische Versöhnung im europäischen Kontext (Bedeutungen)
4 Weiterführende Literatur
5 Einzelnachweise
6 Zitierempfehlung

 

Belastetes deutsch-polnisches Verhältnis (Konstellationen)

Schlesien ist seit Jahrhunderten durch vielfältige kulturelle Prägungen – u.a. böhmische, deutsche, jüdische, polnische – gekennzeichnet. Die Region brachte Persönlichkeiten hervor, die diese Vielfalt lebten und zwischen den verschiedenen Prägungen vermittelten. Eine solche Persönlichkeit war der Erzbischof von Breslau (poln. Wrocław), Bolesław Kardinal Kominek (1903–1974). Bis zum Jahr 1921 gehörte sein schlesischer Heimatort Radlin zu Deutschland. Geboren in einer polnischen Familie, erlebte Kominek sowohl den fruchtbaren Austausch zwischen deutschen und polnischen Kulturen als auch die Antagonismen zwischen ihnen. Kominek war Zeuge der Verbrechen der deutschen NS-Besatzung in Polen im Zweiten Weltkrieg. Nach dem Krieg sah er, wie Deutsche aus Schlesien vertrieben wurden, und sich dort die aus den ehemals polnischen Ostgebieten deportierten Polen ansiedelten. Die letzteren Ereignisse waren eine direkte Folge der 1945 durch die Alliierten beschlossenen Westverschiebung polnischer Grenzen. Die neue Grenze zu Deutschland entlang der Oder und der Neiße wurde durch die DDR 1950 anerkannt. In der Bundesrepublik galt sie jedoch als vorläufig, bis der Bundestag 1972 den Warschauer Vertrag ratifizierte. Endgültig besiegelt wurde der Grenzverlauf mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990.

Versöhnung als Neuaufstellung des deutsch-polnischen Verhältnisses (Differenzen)

Aus den negativen Erfahrungen resultierten Vorurteile und gegenseitiges Misstrauen, die das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen nachhaltig störten. Bolesław Kominek ergriff eine Initiative, die zur Überwindung dieser Differenzen maßgeblich beitragen sollte: Er initiierte einen Versöhnungsbrief des polnischen Episkopats an die deutschen Bischöfe; angesprochen waren aber nicht nur Bischöfe, sondern die gesamte Bevölkerung. Zur Übergabe des Briefes kam es am 18. November 1965 in Rom während des Zweiten Vatikanischen Konzils. Das war die erste Versöhnungsgeste von solch hohem Rang, denn bisher gab es aus der evangelischen und katholischen Kirche nur vereinzelte Initiativen, die in der Öffentlichkeit nicht weiter wirksam geworden waren.

In dem Brief forderte Bolesław Kominek Deutsche und Polen dazu auf, ihre Einstellung zueinander neu zu bedenken, was vor dem Hintergrund der Kriegserfahrungen vielen unmöglich schien. Der Schlüsselsatz des Briefes lautete: „Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung.[1] In ihrem Antwortschreiben baten die deutschen Bischöfe ihrerseits um Vergebung für deutsche Verbrechen gegen Polen.[2]

Als der Briefwechsel der deutschen und polnischen Öffentlichkeit bekannt wurde, zeigte sich allerdings, dass es den Deutschen und noch mehr den Polen sehr schwer fiel, ihn zu akzeptieren. 1965 lagen einige Bezirke Warschaus immer noch in Trümmern. Die Erinnerung an die Verachtung des deutschen „Herrenvolkes“ gegenüber den slawischen „Untermenschen“, an die Ermordung von ca. 5,5 Millionen Polen, von denen 3 Millionen jüdisch waren, und an den allgegenwärtigen Terror war unter der polnischen Bevölkerung nach wie vor präsent. In der Bundesrepublik waren zu diesem Zeitpunkt die deutschen Kriegsverbrechen in Polen kein Thema; viele Deutsche hingegen verurteilten die Polen wegen ihrer Beteiligung an den Vertreibungen.

Evangelische und katholische Versöhnungsbemühungen, die sich im Laufe der Jahrzehnte auf weitere Kreise engagierter Deutscher und Polen ausbreiteten, trugen dazu bei, dass sich das deutsch-polnische Verhältnis schließlich doch positiv wandelte. Dies war freilich ein langsamer und schwieriger Prozess. Im Jahr 2009 schrieben die deutschen und polnischen Bischöfe in einer gemeinsamen Erklärung: „Es braucht nicht verschwiegen zu werden: Der Weg der Verständigung und der Zusammenarbeit, den die Kirchen in unseren beiden Ländern seither gegangen ist, war manches Mal schwierig und nicht frei von Missverständnissen und Belastungen. Wir haben jedoch gelernt, dass Geduld, Behutsamkeit, Wahrhaftigkeit und guter Wille unverzichtbare Wegbegleiter beim Aufbau des Gemeinwohls sind.“[3]
Die Schwierigkeiten im Versöhnungsprozess waren teilweise den komplexen Wechselwirkungen religiöser und politischer Faktoren geschuldet. Der von dem Breslauer Erzbischof Kominek initiierte Brief von 1965 erwuchs aus einer zutiefst religiösen Motivation heraus, das Gebot Jesu der Nächsten- und Feindesliebe zu erfüllen. Die Bischöfe sprachen die Oder-Neiße-Grenze als ein Problem an, das die deutsch-polnische Nachbarschaft besonders belastete und deswegen im Geiste dieser Liebe gelöst werden sollte. Sie brachen dabei das im kommunistischen Polen verordnete Schweigen über das Leid deutscher Vertriebener und über den Verlust der polnischen Ostgebiete an die Sowjetunion. Damit gewann der Brief seine politische Brisanz. Im Gegenzug entfachten die Kommunisten in Polen eine heftige antikirchliche Kampagne.

Deutsch-polnische Versöhnung im europäischen Kontext (Bedeutungen)

Wie die deutsch-französische Aussöhnung war auch der bilaterale Prozess der Versöhnung zwischen Deutschen und Polen ein wichtiger Baustein der europäischen Integration. Indem die polnischen Bischöfe 1965 ihre deutschen Amtsbrüder ansprachen, ohne zwischen der BRD und der DDR zu unterscheiden, zeigten sie, dass sie die Teilung Deutschlands für einen vorübergehenden Zustand hielten. Die Initiative der Versöhnung mit den Deutschen, vor allem denjenigen aus der BRD, stellte ein wichtiges Element der kommunistischen Propaganda in Frage, nämlich dass der Zusammenhalt des Ostblocks unter der sowjetischen Führung notwendig sei, um Osteuropa vor der Bedrohung zu schützen, die von der BRD und dem „Westen“ ausgehe. Indem sie die Oder-Neiße-Grenze ansprachen, griffen die Bischöfe ebenfalls ein Problem von allgemeineuropäischer Bedeutung auf: In den 1960er-Jahren war sie die einzige vorläufige Grenze im Nachkriegseuropa und somit ein potenzieller Konfliktherd.

Mittlerweile wird der Brief von 1965 als Modell für Versöhnung in anderen Kontexten (z.B. im polnisch-ukrainischen oder koreanisch-japanischen Verhältnis) angeführt. Auch dafür steht heute der Name des Breslauer Erzbischofs Bolesław Kominek.

weiterführende Literatur

http://ieg-differences.eu/hauptartikel/breslau/Botschaft der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Brüder im Christi Hirtenamt vom 18. November 1965, in: Wojciech Kucharski / Grzegorz Strauchold (Hg.), Wokół Ore̜dzia. Kardynał Bolesław Kominek – prekursor pojednania polsko-niemieckiego, Wrocław 2009, S. 386–398. URL: <http://berlin.msz.gov.pl/de/bilaterale_zusammenarbeit/deplbeziehungen/deplzusammenarbeit/hirtenbrief_der_polnischen_bischofe_an_ihre_deutschen_amtsbruder_vom_18__november_1965_und_die_antwort_der_deutschen_bischofe_vom_5__dezember_1965> (11.03.2016).

Norman Davies / Roger Moorhouse, Die Blume Europas. Breslau – Wrocław – Vratislavia. Die Geschichte einer mitteleuropäischen Stadt, München 2002.

Basil Kerski / Robert Żurek, Der Briefwechsel zwischen den polnischen und deutschen Bischöfen von 1965. Entstehungsgeschichte, historischer Kontext und unmittelbare Wirkung, in: Basil Kerski u.a.(Hg.), „Wir vergeben und bitten um Vergebung“. Der Briefwechsel der polnischen und deutschen Bischöfe von 1965 und seine Wirkung, Osnabrück 2006, S. 7–53.

Urszula Pękala, Katholische Bischöfe Deutschlands und Polens über deutsch-polnische Versöhnung im europäischen Kontext, in: Aleksandra Chylewska-Tölle / Alexander Tölle (Hg.), Religion im Transnationalen Raum. Raumbezogene, literarische und theologische Grenzerfahrungen aus deutscher und polnischer Perspektive, Berlin 2014, S. 55–71.

Robert Żurek, Bolesław Kominek – Autor der Versöhnungsbotschaft der polnischen Bischöfe, in: Friedhelm Boll u.a. (Hg.), Versöhnung und Politik. Polnisch-deutsche Versöhnungsinitiativen der 1960er Jahre und die Entspannungspolitik, Bonn 2009, S. 52–66.

Einzelnachweise

  1. Botschaft der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Brüder im Christi Hirtenamt vom 18. November 1965, in: Wojciech Kucharski / Grzegorz Strauchold (Hg.), Wokół Ore̜dzia. Kardynał Bolesław Kominek – prekursor pojednania polsko-niemieckiego, Wrocław 2009, S. 386–398, hier S. 397.
  2. Antwortschreiben der deutschen Bischöfe an die polnischen Bischöfe vom 5. Dezember 1965, in: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hg.), Dokumentation der Predigten und Ansprachen bei der Begegnung des Primas von Polen, Kardinal Stefan Wyszynski und einer Delegation der Polnischen Bischofskonferenz, Kardinal Joseph Höffner und der Deutschen Bischofskonferenz in Deutschland im September 1978, Bonn 1978, S. 88–92.
  3. Erklärung aus Anlass des 70. Jahrestages des Beginns des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 (25.08.2009), in: Biuro Prasowe Episkopatu Polski (Hg.), Akta Konferencji Episkopatu Polski, Nr. 16/2009, Warszawa 2009, S. 16–19, hier S. 17.

 

Zitierempfehlung

Urszula Pękala, Breslau / Wrocław, in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2016. URL: http://www.ieg-differences.eu/ortstermine/urszula-pekala-breslau, URN: urn:nbn:de:0159-2016102078.

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Abbildungsnachweis

Alexander Tölle