Valladolid

Kirche des Dominikanerklosters San Pablo in Valladolid
Kirche des Dominikanerklosters San Pablo in Valladolid

von Thomas Weller

Inhaltsverzeichnis

1 Ein gelehrtes Streitgespräch (Konstellationen)
2 Sind alle Menschen gleich? (Differenzen)
3 Humanität und Menschenrechte (Bedeutungen)
4 Weiterführende Literatur
5 Zitierempfehlung

Ein gelehrtes Streitgespräch (Konstellationen)

Im Stadtbild von Valladolid ist heute nur noch wenig von der Zeit zu erkennen, als die spanischen Könige vom kargen Kastilien aus über ein Weltreich herrschten. Im Jahr 1492 hatte Christoph Kolumbus den Europäern bis dahin unbekannte Gebiete auf der anderen Seite des Atlantiks entdeckt und für die spanische Krone in Besitz genommen. Kolumbus starb am 20. Mai 1506 in Valladolid. Unweit seines Sterbeorts befindet sich das Dominikanerkloster San Pablo mit dem dazugehörigen Colegio de San Gregorio. Fast fünfzig Jahre nach Kolumbus’ Tod fand hier im August und September 1550 sowie im April und Mai 1551 ein gelehrtes Streitgespräch statt, das nicht allein für die Geschichte Spaniens und Lateinamerikas von erheblicher Tragweite war: die sogenannte „Disputation von Valladolid“.

Die spanische Eroberung des amerikanischen Kontinents, die um die Mitte des 16. Jahrhunderts weit fortgeschritten war, hatte komplexe moralische und völkerrechtliche Fragen aufgeworfen: Besaßen die Konquistadoren überhaupt ein Recht, die neu entdeckten Gebiete für die spanische Krone in Besitz zu nehmen? Schließlich handelte es sich um Territorien, in denen bereits Menschen siedelten. Wie war mit den Bewohnern der Neuen Welt umzugehen? War es den Eroberern gestattet, die fremden Völker zu unterwerfen, um sie zum Christentum zu bekehren? Handelte es sich bei den Angehörigen dieser Völker überhaupt um Menschen, die den Europäern glichen? Oder waren sie „Wilde“, die sich kaum von Tieren unterschieden und folglich erst „gezähmt“ werden mussten?

Mit diesen Fragen beschäftigten sich in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zahlreiche Juristen und Theologen. Besonders der Dominikanerpater und Missionar Bartolomé de las Casas (1484–1566), seit 1543 Bischof von Chiapas im heutigen Mexiko, hatte sich immer wieder für die Belange der amerikanischen Ureinwohner eingesetzt und die Krone auf Missstände in den Kolonien hingewiesen. Zu seinen prominentesten Widersachern gehörte der humanistische Gelehrte und Hofchronist Juan Ginés de Sepúlveda (1490–1573). 1550 gab Karl V., Kaiser des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation und zugleich spanischer König, den beiden Kontrahenten die Gelegenheit, ihre gegensätzlichen Auffassungen einer Expertenkommission von hochrangigen Juristen und Theologen vorzutragen. Zu diesem Zweck berief er alle Beteiligten nach Valladolid ein.

Sind alle Menschen gleich? (Differenzen)

Die Rechtmäßigkeit der Inbesitznahme amerikanischer Territorien stand dabei nicht zur Debatte, sondern wurde als gegeben vorausgesetzt. Der Streit zwischen Las Casas und Sepúlveda kreiste vornehmlich um die Frage, ob bei der angestrebten Evangelisierung und Eingliederung der amerikanischen Völker in den spanischen Herrschaftsverband die Anwendung von Zwang und Gewalt zulässig war. Las Casas lehnte dies strikt ab, setzte allein auf friedliche Mittel der Mission und machte die vorherige Zustimmung der „indios“ zur Voraussetzung für deren Unterwerfung unter spanische Herrschaft. Sepúlveda dagegen akzeptierte die Anwendung von Gewalt nicht nur, sondern hielt sie sogar für geboten.

Hinter diesen gegensätzlichen Auffassungen verbarg sich ein zweiter, noch grundsätzlicherer Streitpunkt, nämlich die Frage nach der menschlichen Natur der amerikanischen Ureinwohner und der Einheit des Menschengeschlechts. Auch hier hätten die Positionen gegensätzlicher nicht seien können: Las Casas ging davon aus, dass auch die Bewohner der Neuen Welt vernunftbegabte Menschen nach Gottes Ebenbild sind und den Europäern insofern, trotz aller wahrnehmbaren Unterschiede, in nichts nachstehen. Folglich besäßen die Europäer auch kein Recht, die Angehörigen der indigenen Völker gegen ihren Willen zu unterwerfen und ihrer natürlichen Freiheit zu berauben.

Sepúlveda wiederum hielt die „indios“ unter Berufung auf den antiken Philosophen Aristoteles, dessen Schriften er ins Spanische übersetzt hatte, für Barbaren, die als „Sklaven von Natur“ zur Unterordnung bestimmt seien. Aufgrund der Unwissenheit und unmenschlichen Sitten der „Indianer“ – unter anderem warf Sepúlveda ihnen Menschenopfer und Kannibalismus vor – seien die Europäer dazu verpflichtet, sie aus ihrem barbarischen Zustand zu befreien. Nur indem man den „indios“ auch gegen ihren Willen eine vernunftgemäße und gesittete Ordnung aufzwinge, könnten sie überhaupt erst zu vollwertigen Menschen und wahren Christen werden.

Humanität und Menschenrechte (Bedeutungen)

Der Streit endete ohne einen klaren Sieger und wurde über den Tod der beiden Kontrahenten hinaus fortgeführt. An der spanischen Kolonialpolitik änderte sich dadurch kaum etwas. Schon zuvor waren Versuche, die Ausbeutung der „indios“ gesetzlich einschränken, am Widerstand der spanischen Siedler gescheitert. 1556 bekräftige König Philipp II. von Spanien das von Las Casas kritisierte System indianischer Zwangsarbeit („encomienda“). Afrikanische Sklaven, für deren Schicksal sich Las Casas erst spät zu interessieren begann, wurden noch mehr als 300 Jahre lang unter wahrhaft menschenunwürdigen Bedingungen über den Atlantik verschifft und in den Kolonien brutal ausgebeutet.

Dessen ungeachtet stellt die Disputation von Valladolid eine entscheidende Wegmarke im Umgang mit dem kolonialen Anderen dar. In ihr spiegeln sich die Aporien des Versuchs, die wahrgenommene kulturelle Differenz zwischen den Europäern und den Bewohnern anderer Erdteile theoretisch und praktisch zu bewältigen. Sepúlvedas These von der naturgegebenen Minderwertigkeit außereuropäischer Völker und Kulturen – die unter anderen Vorzeichen und mit anderer Begründung bis in das 20. Jahrhundert hinein vertreten wurde – widersprach Las Casas erstmals nachdrücklich und entschieden. Deshalb gilt der Dominikanermönch heute mit einigem Recht als Vater der Idee universaler Menschenrechte und Wegbereiter des humanitären Engagements für benachteiligte Menschen in anderen Erdteilen.

Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, dass auch Las Casas von der Überlegenheit der europäischen Kultur überzeugt war, deren Ausbreitung und Universalisierung im Zeichen des Kreuzes er ebenso begrüßte wie sein Gegner Sepúlveda. Aus dem Postulat menschlicher Gleichheit ergab sich auch für Las Casas und seine Anhänger nicht etwa die Anerkennung bestehender kultureller, geschweige denn religiöser Vielfalt, sondern die Verpflichtung der Europäer zur zivilisatorischen Einebnung solcher Differenzen, die als kulturelles Gefälle wahrgenommen wurden.

weiterführende Literatur

Bartolomé de Las Casas, Die Disputation von Valladolid (1550–51). in: Mariano Delgado (Hg.), Bartolomé de Las Casas. Werkauswahl, Bd. 1: Missionstheologische Schriften, Paderborn 1994, S. 336–436.

Lewis Hanke, All mankind is one. A study of the disputation between Bartolomé de Las Casas and Juan Ginés de Spúlveda in 1550 on the intellectual and religious capacity of the American Indians, De Kalb, IL 1974.

Horst Pietschmann, Aristotelischer Humanismus und Inhumanität? Sepúlveda und die amerikanischen Ureinwohner, in: Wolfgang Reinhard (Hg.), Humanismus und Neue Welt, Weinheim 1987, S. 143–166.

Daniel Castro, Another face of empire: Bartolomé de las Casas, indigenous rights, and ecclesiastical imperialism, Durham, NC 2007.

Mariano Delgado, Das Kolleg San Gregorio in Valladolid, in: Pim den Boer u.a. (Hg.), Europäische Erinnerungsorte. Bd. 3: Europa und die Welt, München 2012, S. 87–97.

Zitierempfehlung

Thomas Weller, Valladolid, in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2016. URL: http://www.ieg-differences.eu/ortstermine/thomas-weller-valladolid, URN: urn:nbn:de:0159-20161020449.

Dieser Text ist lizensiert unter: CC by-nc-nd 4.0 international – Namensnennung, keine kommerzielle Nutzung, keine Bearbeitung.

Abbildungsnachweis