Nantes

von Thomas Weller

Inhaltsverzeichnis

1 Das Edikt von Nantes
1.1 Frieden per Edikt (Konstellationen)
1.2 Konfessionelle Spaltung und politische Einheit (Differenzen)
1.3 Religionsfreiheit und Trennung von Kirche und Staat (Bedeutungen)

2 Nantes als Hauptstadt des französischen Sklavenhandels
2.1 Der Sklavenhandel: ein grausames Geschäft (Konstellationen)
2.2 Wessen Freiheit? (Differenzen)
2.3 Ein schweres Erbe (Bedeutungen)

3 Weiterführende Literatur
4 Einzelnachweise
5 Zitierempfehlung

Das Edikt von Nantes
Das Edikt von Nantes

Das Edikt von Nantes

Frieden per Edikt (Konstellationen)

Am 13. April 1598 unterzeichnete König Heinrich IV. von Frankreich in der Stadt Nantes eigenhändig ein Dokument, das eine Folge von Religionskriegen beendete, die das Land verwüstet und die französische Monarchie an den Rand des Abgrunds gebracht hatten. In Frankreich fand der Protestantismus in seiner calvinistischen Ausprägung seit der Mitte des 16. Jahrhunderts eine wachsende Zahl von Anhängern, die als Hugenotten bezeichnet und wegen ihres Glaubens von der katholischen Kirche und der französischen Krone verfolgt wurden. Begünstigt durch eine dynastische Krise nach dem Tod König Heinrichs II. (1559) weitete sich der Konflikt zu einem regelrechten Bürgerkrieg aus. Zu den blutigen Höhepunkten der mehr als drei Jahrzehnte währenden Auseinandersetzungen gehörte die sogenannte Bartholomäusnacht (1572), in deren Verlauf allein in Paris zwischen 3.000 und 4.000 Protestanten ums Leben kamen.

Als Heinrich von Navarra, der militärische Anführer der Hugenotten, dem 1589 ermordeten Heinrich III. auf den Thron folgte, schien sich die Auseinandersetzung erneut zuzuspitzen. Erst nachdem der neue König 1593 zum Katholizismus übertrat und nun auch von den Katholiken anerkannt wurde, öffnete sich der Weg für eine friedliche Lösung des Konflikts. Fünf Jahre später garantierte Heinrich IV. seinen ehemaligen protestantischen Glaubensgenossen eine Reihe von Privilegien, die künftig ein gewaltfreies Zusammenleben der beiden christlichen Konfessionen unter dem Schutz der Krone gewährleisten sollten.

Konfessionelle Spaltung und politische Einheit (Differenzen)

Mit dem Edikt von Nantes, das größtenteils auf frühere so genannte Pazifikationsedikte zurückging, wurde die konfessionelle Spaltung Frankreichs bekräftigt. Das Ideal der religiösen Einheit des Gemeinwesens wurde zugunsten der Wiedererringung der politischen Einheit aufgegeben. Obwohl das Dokument faktisch das Ergebnis von Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien war, besaß es die Form eines königlichen Gnadenerlasses. Damit war das Edikt schon aufgrund seiner Rechtsform grundsätzlich widerrufbar, auch wenn es dem Wortlaut nach „immerwährend“ und „unwiderruflich“ sein sollte.[1] Auf dieser Grundlage gelang es, den gewaltsam ausgetragenen Konflikt für fast ein Jahrhundert zu befrieden und beidseitig akzeptierte Regeln für die Koexistenz von Katholiken und Protestanten zu etablieren.

Mit dem Edikt wurde den Protestanten die Gewissens- und eingeschränkte Kultfreiheit sowie der Schutz vor Verfolgung garantiert, sie wurden den Katholiken aber keineswegs gleichgestellt. So genossen die Anhänger der Römisch-Katholischen Kirche, deren Glaube zur Staatsreligion erklärt wurde, weiterhin in ganz Frankreich die Freiheit der Religionsausübung. Außerdem erhielten sie den gesamten Kirchenbesitz zurück, den die Protestanten im Verlauf der Religionskriege enteignet hatten. Den Protestanten hingegen wurde die Ausübung ihres Glaubens nur an bestimmten, im Edikt festgelegten Orten gestattet. Ausdrücklich verboten waren protestantische Gottesdienste am Königshof und in der Hauptstadt Paris einschließlich des Umlands, in allen königlichen Schlössern und bischöflichen Residenzstädten sowie in der Armee.

Von ganz wesentlicher Bedeutung für die friedliche Koexistenz beider Religionsgemeinschaften war die Garantie bürgerlicher und politischer Rechte für die protestantische Minderheit: Hugenotten wurde der Zugang zu allen königlichen Ämtern und Funktionen sowie zu allen sonstigen nicht-kirchlichen Korporationen und Ehrenämtern garantiert. Auch wurde ihnen das Recht zugestanden, sich in ganz Frankreich niederzulassen und ihren Beruf frei zu wählen.

Richtungsweisend waren ferner Regelungen, die das Verhältnis zwischen der protestantischen Glaubensgemeinschaft und dem französischen Staat betrafen. Den Protestanten wurde die Selbstverwaltung ihrer Gemeinden und die autonome Regelung innerreligiöser Angelegenheiten zugestanden. Die Krone trug finanziell zum Unterhalt der protestantischen Pastoren und Ausbildungsstätten bei. Im Gegenzug waren aber auch Protestanten zur Abführung des katholischen Kirchenzehnten verpflichtet.

Daneben erhielt das Edikt noch eine Reihe politischer und militärischer Schutzgarantien, die jedoch nicht lange Bestand hatten. Nach dem Wiederaufflammen der Kämpfe im Süden Frankreichs wurden sie 1629 von Ludwig XIII. durch das Edikt von Alès widerrufen. Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts schränkte die Krone weitere im Edikt von Nantes garantierte Rechte sukzessive ein, bis Ludwig XIV. 1685 mit dem Revokationsedikt von Fontainebleau schließlich auch die letzten noch bestehenden Privilegien widerrief. Dies veranlasste rund 200.000 Hugenotten zur Flucht ins Ausland. Erst mit der Französischen Revolution von 1789 erlangten die französischen Protestanten ihre vollen bürgerlichen Rechte zurück sowie erstmals die uneingeschränkte Freiheit des Gewissens und der Religionsausübung.

Religionsfreiheit und Trennung von Kirche und Staat (Bedeutungen)

Obgleich die 1598 in Nantes erlassenen Religionsbestimmungen nicht dauerhaft Bestand hatten, galten sie doch in ganz Europa als Modell für die Einhegung religiöser Konflikte durch einen staatlich garantierten Minderheitenschutz. In der Folgezeit wurden auch von anderen Herrschern Toleranzedikte nach ähnlichem Muster erlassen. Hierin lassen sich zugleich erste Ansätze zu einem Auseinandertreten von Politik und Religion und einer weltanschaulichen Neutralität des Staates erkennen, für die heute wiederum Frankreich das beste Beispiel ist: 1905 wurde – unter anderen historischen Rahmenbedingungen – per Gesetz die bis heutige gültige strikte Trennung von Kirche und Staat eingeführt.

Nantes als Hauptstadt des französischen Sklavenhandels

Einweihung der Gedenkstätte für die Abschaffung der Sklaverei in Nantes am 25 März 2012.
Einweihung der Gedenkstätte für die Abschaffung der Sklaverei in Nantes am 25 März 2012.

Der Sklavenhandel: ein grausames Geschäft (Konstellationen)

Im 18. Jahrhundert wurde das an der Loire-Mündung gelegene Nantes zum wichtigsten Hafen für den französischen Sklavenhandel. Das lukrative Geschäft brachte europäischen Kaufleuten reiche Gewinne ein. Mehr als 11 Millionen Afrikaner und Afrikanerinnen bezahlten dafür mit lebenslanger Zwangsarbeit oder ihrem vorzeitigen Tod. Schon die wochenlange Überfahrt, als menschliche Fracht eng zusammengepfercht im Rumpf eines Sklavenschiffes, überlebten viele nicht. Obgleich französische Kaufleute sich erst seit Beginn des 18. Jahrhunderts im großen Stil an dem grausamen Geschäft beteiligten, betrug ihr Anteil am gesamten atlantischen Sklavenhandel rund 13 Prozent. Frankreich war damit nach Portugal und Großbritannien die drittgrößte europäische Sklavenhandelsnation.

Rund 40 Prozent aller französischen Sklavenschiffe stachen von Nantes aus in See. Schätzungen zufolge wurden bei über 1.700 im 18. Jahrhundert allein von diesem Hafen aus unternommenen Fahrten rund 450.000 Afrikaner als Sklaven nach Amerika verschleppt. Von den enormen Gewinnen, die sich mit dem „traite négrière“ erzielen ließen, zeugen noch heute die Häuser reicher Sklavenhändler an der Quai de la Fosse, von wo aus auch die Sklavenschiffe ablegten. Im März 2012 wurde an dieser Stelle ein Mahnmal zur Erinnerung an die Abschaffung der Sklaverei (Mémorial de l’abolition de l’esclavage) errichtet. Im Inneren des Monuments erinnern Text- und Bildzeugnisse an den schwierigen Umgang – nicht nur der Franzosen – mit einem der dunkelsten Kapitel der europäischen Kolonialgeschichte.

Wessen Freiheit? (Differenzen)

Bis zum 18. Jahrhundert war der Umstand, dass nicht alle Menschen persönliche Freiheitsrechte besaßen, nichts per se Kritikwürdiges. Seit der Antike waren Formen von Leibeigenschaft und Knechtschaft auch in Europa verbreitet. Die massenhafte Versklavung und Ausbeutung von Afrikanern durch Europäer, die mit dem Beginn der europäischen Expansion am Ende des 15. Jahrhunderts ihren Anfang nahm und mit dem Boom der karibischen Plantagenökonomie im 18. Jahrhundert ihren vorläufigen Höhepunkt erlebte, besaß jedoch nicht nur quantitativ eine andere Dimension. Trotz der vereinzelten Kritik, die vornehmlich von Missionaren geäußert wurde, setzte sich bei den meisten Europäern die Auffassung durch, dass Afrikaner einer minderwertigen Rasse angehörten und man sie deshalb wie Vieh behandeln und wie einen Gegenstand kaufen und verkaufen dürfe. Diese Entmenschlichung eines Teils der Menschheit aufgrund von ethnischen Zuschreibungen bildete eine der wesentlichen Grundlagen für die Entstehung des modernen Rassismus.

Als im Vorfeld der Französischen Revolution die Kritik an den hierarchischen Gesellschaftsstrukturen des Ancien Régime lauter wurde, begann man auch die Praxis der Sklaverei in den französischen Kolonien ernsthaft in Frage zu stellen. Anders als in Großbritannien, wo sich vor allem religiöse Gruppen gegen den atlantischen Sklavenhandel einsetzten und sich der Protest bald zu einer politischen Massenbewegung auswuchs, war die Kritik an der Sklaverei in Frankreich stärker säkular geprägt und blieb auf den engen Kreis von Angehörigen der politisch-intellektuellen Elite beschränkt.

Zu den wichtigsten Vorkämpfern und Mitgliedern der nach britischen Vorbild 1788 gegründeten „Societé des Amis des Noirs“ gehörte jedoch auch in Frankreich ein Geistlicher, der katholische Priester und spätere Revolutionär Abbé Grégoire. Die meisten Vertreter der französischen Aufklärung hingegen verhielten sich dem atlantischen Sklavenhandel gegenüber ambivalent. So kritisierte etwa Voltaire in einigen seiner Schriften die Sklaverei, ging aber gleichwohl wie viele andere Europäer von der Minderwertigkeit der Afrikaner aus und hegte auch keinerlei Bedenken, Teile seines Vermögens in die französische Westindienkompagnie zu investieren. Als ein reicher Kaufmann aus Nantes 1768 sogar ein Sklavenschiff nach ihm benannte, empfand der aufgeklärte Philosoph dies als große Ehre.

Rund zwanzig Jahre später propagierte die Französische Revolution mit der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte erstmals die Freiheit und Gleichheit aller Franzosen, nicht aber der Sklaven. Erst nachdem auf Saint Domingue (dem heutigen Haiti) ein Sklavenaufstand ausbrach, schaffte der Nationalkonvent 1794 per Dekret auch die Sklaverei ab. Nur acht Jahre später wurde sie jedoch wieder eingeführt. 1815 schloss sich Frankreich auf diplomatischen Druck Großbritanniens dem Verbot des Sklavenhandels an; die Abschaffung der Sklaverei in den französischen Kolonien aber konnten mächtige Wirtschaftsinteressen zunächst verhindern. Erst 1848, nachdem eine neuerliche Revolution Frankreich erneut eine republikanische Verfassung gebracht hatte, erfolgte ein generelles Verbot der Sklaverei in allen französischen Gebieten, das über die Zweite Republik (1848–1852) hinaus Bestand haben sollte.

Ein schweres Erbe (Bedeutungen)

Für die Überwindung der Ungleichheit zwischen Europäern und den Bewohnern anderer Erdteile stellte dieses wichtige Datum aber nur einen Etappensieg dar. Die rechtliche und vor allem gesellschaftliche Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe und Herkunft überdauerte bekanntlich die Abschaffung der Sklaverei. Welche Brisanz dieses Thema noch immer hat, macht einmal mehr das Beispiel Frankreich deutlich, das sich mit der kritischen Aufarbeitung der eigenen Kolonialgeschichte lange schwer getan hat. Nach intensiven Debatten wurde der Sklavenhandel 2001 per Gesetz offiziell zum Verbrechen gegen die Menschlichkeit erklärt und eine entsprechende Behandlung des Themas im Schulunterricht vorgeschrieben. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung kam damit aber nicht zum Erliegen, sondern dauert bis auf den heutigen Tag an.

weiterführende Literatur

Zu Abschnitt 1 (Das Edikt von Nantes)

Eckhart Birnstiel, Art. Edikt von Nantes, in: Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 3, Stuttgart 2006, Sp. 26–30.

Janine Garrisson, L’Édit de Nantes. Chronique d’une paix attendue, Paris 1998.

Janine Garrsion, Denn so gefällt es uns. Geschichte einer Intoleranz, Bad Karlshafen 1995.

Mack P. Holt, The French Wars of Religion, 1562–1629, Cambridge 2. Aufl. 2005.

Ulrich Niggemann, Hugenotten, Köln u.a. 2011.

Zu Abschnitt 2 (Nantes als Hauptstadt des französischen Sklavenhandels)

Olivier Pétré-Grenouilleau, Nantes au temps de la traite des noirs, Paris 1998.

Christopher Miller, The French Atlantic Triangle. Literature and Culture of the Slave Trade, Durham, NC 2008.

Sue Peabody, There are no slaves in France. The Political Culture of Race and Slavery in the Ancien Régime, New York 1996.

Jochen Meissner u.a., Schwarzes Amerika. Eine Geschichte der Sklaverei, München 2008.

Birgitta Bader-Zaar, Abolitionismus im transatlantischen Raum: Organisationen und Interaktionen der Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei im späten 18. und 19. Jahrhundert, in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz 2010-12-03. URL: http://www.ieg-ego.eu/baderzaarb-2010-de, URN: urn:nbn:de:0159-2010092123 (09.12.2015).

Einzelnachweise

  1. Ernst Mengin (Hg.), Das Edikt von Nantes. Das Edikt von Fontainebleau, Flensburg 1963, S. 23.

Zitierempfehlung

Thomas Weller, Nantes, in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2016. URL: http://www.ieg-differences.eu/ortstermine/thomas-weller-nantes, URN: urn:urn:nbn:de:0159-20161020303.

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