Münster und Osnabrück

Die Unterzeichnung des spanisch-niederländischen Friedens am 15. Mai 1648 im Rathaus von Münster (Gerard Terborch 1648)
Die Unterzeichnung des spanisch-niederländischen Friedens am 15. Mai 1648 im Rathaus von Münster (Gerard Terborch 1648)

von Thomas Weller

Inhaltsverzeichnis

1 Ein europäischer Friedenskongress (Konstellationen)
2 Konfessionskonflikt und Staatenkonkurrenz (Differenzen)
3 Koexistenz und Gleichberechtigung (Bedeutungen)
4 Weiterführende Literatur
5 Zitierempfehlung

 

Ein europäischer Friedenskongress (Konstellationen)

Zwischen 1643 und 1648 waren die benachbarten Städte Münster und Osnabrück Schauplatz von Friedensverhandlungen, die eine der bis dahin größten militärischen Auseinandersetzungen der europäischen Geschichte beenden sollten. Am Dreißigjährigen Krieg (1618–1648), der aus mehreren ineinander verwobenen Einzelkonflikten bestand, waren neben dem Heiligen Römischen Reich und seinen Territorien fast alle großen europäischen Mächte beteiligt. Erstmals kamen an den beiden Verhandlungsorten Vertreter nahezu aller Potentaten und politischen Gemeinwesen Europas zusammen, um über eine neue Friedensordnung für den Kontinent zu verhandeln. Dies war etwas völlig Neuartiges. Das Ergebnis, ein komplexes Vertragswerk, das aus mehreren Einzelverträgen bestand[1], brachte Europa zwar keinen dauerhaften Frieden. Für den künftigen Umgang mit Differenz war der Westfälische Friedenskongress aber gleichwohl von fundamentaler Bedeutung.

Konfessionskonflikt und Staatenkonkurrenz (Differenzen)

Zu den Differenzen, die das Europa des 17. Jahrhunderts entzweiten und auch für den Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges maßgeblich verantwortlich gewesen waren, gehörte nicht zuletzt der Gegensatz zwischen Protestanten und Katholiken. Zwar wies der Dreißigjährige Krieg spätestens seit dem Kriegseintritt des katholischen Frankreichs an der Seite des lutherischen Schwedens (1636) keine eindeutigen Fronten zwischen Katholiken und Protestanten mehr auf. Dennoch blieb die Konfessionsfrage eines der zentralen Probleme, die es im Rahmen der Friedensverhandlungen zu lösen galt. Wie schwierig dies werden würde, deutete sich schon im Vorfeld des Kongresses an. Da sowohl der Papst als Oberhaupt der katholischen Christenheit wie auch die protestantische Führungsmacht Schweden eine direkte Begegnung strikt ablehnten, einigte man sich auf zwei Kongressorte.

Im katholischen Münster verhandelten Gesandte des Kaisers, Frankreichs und Spaniens mit päpstlicher Vermittlung. Parallel dazu trafen hier auch die diplomatischen Vertreter Spaniens und der reformierten niederländischen Generalstaaten zu separaten Friedensgesprächen zusammen. Im protestantischen Osnabrück, nur eine halbe Tagesreise entfernt, führten kaiserliche Gesandte Verhandlungen mit Schweden, Dänemark und den Reichsständen. Trotzdem verweigerte der Papst dem Frieden am Ende seine Anerkennung, da er die dort festgeschriebene völker- und reichsrechtliche Gleichstellung der evangelischen „Ketzer“ nicht akzeptieren konnte.

Für das Heilige Römische Reich fand man – auch ohne päpstliche Zustimmung – zu einem tragfähigen Modell, das eine friedliche Koexistenz der nun drei reichsrechtlich anerkannten Konfessionen (Katholiken, Lutheraner und Reformierte) ermöglichte. Im Kern wurden dabei die knapp ein Jahrhundert zuvor im Augsburger Religionsfrieden von 1555 getroffenen Vereinbarungen bestätigt und offene Streitfragen verbindlich geklärt. Mit der so genannten Normaljahresregelung wurde die Konfession der Reichsterritorien auf dem Stand vom 1. Januar 1624 festgeschrieben. Einer künftigen Konversion ihres Landesherrn mussten sich die Untertanen einer Herrschaft von nun an nicht mehr anschließen; ein Konfessionswechsel geistlicher Territorien war prinzipiell ausgeschlossen.

Mit Blick auf die höchsten Reichsinstitutionen wurde ein konfessioneller Minderheitenschutz festgeschrieben. Bei Beschlüssen des Reichstags in Religionsfragen galten keine Mehrheitsentscheidungen mehr. Stattdessen sollten die beiden Konfessionsparteien zu getrennten Beratungen auseinandertreten (itio in partes), um danach zu einer gütlichen Einigung (amicablis compositio) zu gelangen. Damit wurde die konfessionelle Spaltung des Reichs nicht aufgehoben, sondern institutionell gefestigt, zugleich aber ein wirksames Verfahren etabliert, um künftige Konflikte friedlich beizulegen.

Mindestens ebenso schwer wie die religiösen wogen die politischen Differenzen zwischen den Hauptakteuren. Dies galt besonders für das ungeklärte Verhältnis zwischen dem Kaiser und den Ständen des Heiligen Römischen Reiches sowie zwischen den beiden großen kontinentalen Machtblöcken Frankreich und Spanien-Habsburg. Auch diese Gegensätze beeinträchtigten die Verhandlungen schon im Vorfeld. So kam es während des Kongresses immer wieder zu Streitigkeiten um das diplomatische Zeremoniell. Den Regeln höfischer Repräsentation folgend, mussten die Vertreter der europäischen Potentaten bemüht sein, durch Prunk und zeremoniellen Aufwand den beanspruchten Rang und Status ihres Auftraggebers zum Ausdruck zu bringen. Direkte Gespräche zwischen den spanischen und französischen Gesandtschaften waren von Beginn an ausgeschlossen, weil beide Monarchien den Vorrang der jeweils anderen nicht akzeptierten.

Bei diesen aus heutiger Perspektive kurios anmutenden Streitigkeiten ging es jedoch nicht um Äußerlichkeiten oder Eitelkeiten. Vielmehr beanspruchten die Gesandten im Zeremoniell genau das, worüber gleichzeitig verhandelt werden sollte: den völkerrechtlichen Status und die Stellung eines Potentaten innerhalb der europäischen Mächteordnung. In Münster und Osnabrück wurden die Differenzen zwischen den beteiligen Akteuren gleichsam neu vermessen. An die Stelle der aus dem Mittelalter herrührenden Hierarchie europäischer Herrscher mit dem Papst und dem Kaiser als Universalmächten an der Spitze trat – in Ansätzen bereits zu erkennen – ein neuartiges Modell souveräner, prinzipiell gleichberechtigter Staaten. Diese erkannten sich wechselseitig als einzig legitime Akteure politischer Außenbeziehungen an.

Koexistenz und Gleichberechtigung (Bedeutungen)

Auch wenn der Kongress von Münster und Osnabrück keineswegs die erhoffte universale Friedensordnung für Europa brachte, so wandelte der Kontinent – nicht zuletzt als Folge des Westfälischen Friedens – doch grundlegend sein Gesicht. Mit seinen Religionsbestimmungen fand der Friede ein Modell für die friedliche Koexistenz der christlichen Konfessionen. Dieses Modell beanspruchte zwar zunächst nur für das Heilige Römischer Reich Gültigkeit, hatte aber dennoch europaweite Auswirkungen. Vor allem schufen die Verhandlungen von Münster und Osnabrück wesentliche Voraussetzungen, um eine völkerrechtliche Ordnung zu etablieren, welche die Beziehungen zwischen den europäischen Mächten auf eine neue Grundlage stellen sollte: die wechselseitige Anerkennung von Souveränität und Gleichberechtigung sowie der Verzicht auf Einmischung in innere, insbesondere religiöse Angelegenheiten.

weiterführende Literatur

Johannes Burkhardt, Der Dreißigjährige Krieg, Frankfurt/M. 1992.

Klaus Bussmann / Heinz Schilling (Hg.), 1648 – Krieg und Frieden in Europa, Münster 1998.

Heinz Duchhardt (Hg.), Der Westfälische Friede. Diplomatie – politische Zäsur – kulturelles Umfeld – Rezeptionsgeschichte, München 1998.

Heinz Duchhardt, Der Westfälische Friede, in: Pim den Boer u.a. (Hg.), Europäische Erinnerungsorte, Bd. 2: Das Haus Europa, München 2012, S. 491–499.

Anuschka Tischer, Art. Westfälischer Friede, in: Enzyklopädie der Neuzeit, Bd. 14, Stuttgart 2011, Sp. 1020–1029.

Einzelnachweise

  1. Vgl. den Osnabrücker Friedensvertrag: http://www.westfaelische-geschichte.de/que740 (29.04.2016).

Zitierempfehlung

Thomas Weller, Münster und Osnabrück, in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2016. URL: http://www.ieg-differences.eu/ortstermine/thomas-weller-muenster-und-osnabrueck, URN: urn:nbn:de:0159-20161020292.

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Abbildungsnachweis

Wikimedia Commons – gemeinfrei