Halle und Tranquebar / Halle und Tharangambadi

von Sabine Hübner (wiss. Mitarbeiterin am IEG 2010–2014)

Inhaltsverzeichnis

1 Schulstadt und Missionsstation – pietistische Aufbrüche im 18. Jahrhundert (Konstellationen)
2 Pilotprojekt Tranquebar – plurale Herausforderung (Differenzen)
3 Missionsberichte – interkulturelle Wahrnehmungen (Bedeutungen)
4 Weiterführende Literatur
5 Zitierempfehlung

File:Gruendler-Aaron(1754).jpg
Gottfried August Gründler, Aaron. Der erste ordinirte Prediger aus der Tamulischen Nation. gebohrn 1698, getauft 1718, ordiniret 1733, gestorben 1745, Titelkupfer zu: Gotthilf August Francke (Hg.), Der Koenigl. Daenischen Missionarien aus Ost-Indien eingesandter Ausfuehrlichen Berichten Sechster Theil, Von der LXI bis LXXIIsten Continuation: Darinnen die Fortsetzung des Missions-Wercks bis aufs Jahr 1749. umstaendlich beschrieben wird, Halle 1754.

Schulstadt und Missionsstation – pietistische Aufbrüche im 18. Jahrhundert (Konstellationen)

Der Küstenort Tharangambadi im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu und die Südliche Innenstadt von Halle an der Saale in Sachsen-Anhalt liegen ca. 7.525 km voneinander entfernt. Im 18. Jahrhundert standen diese beiden Orte, bekannt unter ihren damaligen Namen Tranquebar und Glaucha, für einige Jahrzehnte gemeinsam im Fokus protestantischer Öffentlichkeit.

In Tranquebar, an der Koromandelküste Indiens, hatte sich ab 1706, deutlich später als vergleichbare katholische Bemühungen, erstmals eine dauerhafte protestantische Missionsarbeit formiert. Junge lutherische Theologen aus Europa betrieben auf dem Territorium der dänischen Handelsniederlassung Missionsstationen und gründeten Gemeinden. Sie richteten sich dabei gezielt an die Tamil bzw. portugiesisch sprechenden Bevölkerungsgruppen. Von Anfang an setzten sie auf die Unterstützung durch indische Mitarbeiterkreise.

Ermöglicht wurde das Unternehmen durch eine Kooperation von Personen und Institutionen aus Kopenhagen, London und Halle sowie durch einen großen internationalen Spenderkreis aus dem lutherisch-pietistischen Milieu. In Glaucha (damals ein Vorort von Halle) gab es einen weitverzweigten Trägerkreis, der Mission in Indien intensiv unterstützte. Die Region war zu einem Zentrum des lutherischen Pietismus angewachsen, zum einen durch die neugegründete Universität, vor allem aber durch die von August Hermann Francke ins Leben gerufene „Schulstadt“ mit ihren pädagogischen und diakonischen Einrichtungen. Die Verantwortlichen dort wählten Kandidaten für den Missionsdienst aus, berieten diese später in Indien (in Briefen) bei organisatorischen sowie theologischen Fragen und begleiteten sie seelsorgerlich.

Die Einrichtungen in Halle und in Tranquebar waren durch gemeinsame Grundanliegen miteinander verbunden: An beiden Orten sollten Bildungs- und Gesprächsangebote die Menschen befähigen, sich persönlich mit den biblischen Texten auseinanderzusetzen, um über ihre eigene religiöse Existenz nachzudenken. Von beiden Orten erwartete man eine positive Wirkung auf Gesellschaft und Kirche. Dem „kleinen Anfang“ vor Ort setzte man dabei die Hoffnung auf eine weitreichende, grenzüberschreitende Ausstrahlung entgegen.

Pilotprojekt Tranquebar – plurale Herausforderung (Differenzen)

Im Stadtgebiet von Tranquebar wohnten 1702 ca. 6.000 Menschen, die in sozialer, kultureller und religiöser Hinsicht ausgesprochen heterogen waren. Tempel, Moscheen und Kirchen prägten das Stadtleben. Dort trafen Männer und Frauen mit einem hinduistischen, muslimischen, katholischen oder protestantischen Selbstverständnis aufeinander. Auch die armenische und die syrisch-orthodoxe Kirche sowie einzelne Juden waren in der Region präsent. Diese Gesellschaftsstruktur führte dazu, dass die Missionare, die häufig in ländlichen Gegenden des deutschen Sprachraums aufgewachsen waren, viele neue Gesprächssituationen erlebten und dabei auf unterschiedliche Welt- und Selbstdeutungen aufmerksam wurden.

Zudem brachte die Missionsarbeit in Indien neue Problemkonstellationen mit sich, die bestehende theologische Ansichten irritierten: Die Herausforderung durch das hinduistische Kastensystem für das christliche Menschenbild, das Nebeneinander von Erwachsenen- und Kindertaufe, die Konkurrenz zur römisch-katholischen Mission.

Auch Fragen, die aus dem europäischen Kontext bekannt waren, wurden in Indien wieder virulent. So wurde neu darum gerungen, wie über religiöses Erleben gesprochen bzw. geschrieben werden konnte, und welche Rolle Ordinierte innerhalb von Gemeinden haben sollten. So kam es beispielsweise in der Mitte des Jahrhunderts zwischen den Missionaren in Tranquebar und den Verantwortlichen in Halle zu einer Kontroverse darüber, wie Missionsgespräche darzustellen seien. Dabei wurden bestehende Erwartungen an „erbauliche“ Texte in Frage gestellt.

Diese Pluralisierung von Strukturen, Fragestellungen und Deutungsangeboten erfuhr ihren literarischen Niederschlag in den sogenannten „Halleschen Berichten“.

Missionsberichte – interkulturelle Wahrnehmungen (Bedeutungen)

Ab 1710 veröffentlichten August Hermann Francke und seine Nachfolger in Halle mit steigender Auflagenzahl Texte zur Missionsarbeit an der indischen Koromandelküste. Diese verbreiteten sich über bestehende Netzwerke und wurden in zahlreiche europäische Sprachen übersetzt, sodass sie eine entsprechend große Öffentlichkeit erreichten.

In ihren Berichten aus Tranquebar lieferten die Missionare auch Beobachtungen bzw. Einschätzungen zu den vielfältigen Lebensweisen und Frömmigkeitsstilen der vor Ort lebenden Menschen. Sie beschrieben Momente der Irritation und der Faszination, Konfliktgespräche und inspirierende Begegnungen sowie Kommunikationsschwierigkeiten und Aushandlungsprozesse.

Die gedruckten Textsammlungen enthielten zudem Vorworte von Herausgebern, Äußerungen von indischen Mitarbeitern und Gemeindegliedern, Leserbriefe aus Europa sowie Spendenzettel und Gebetstexte von Sympathisanten der Mission. Die Texte, die sich sehr unterschiedlich deuten lassen, zeigen, wie sich die Missionare das menschliche Miteinander vorstellten, und welche Zukunft sie sich als Christen erhofften.

Durch ihre Gestaltung und Zusammensetzung präsentierten die Texte dem europäischen Publikum eine ungewohnte Vielfalt an Lebensweisen, religiösen Praktiken und konkurrierenden Überzeugungen. Beim Lesen der Texte standen die Menschen somit in der Verantwortung, eigene Beobachtungen zu machen, aufscheinende Differenzen zu interpretieren und deren Relevanz zu prüfen. Das entscheidende Kriterium war dabei die Frage nach einem „christlichen“ Leben. Daher forderten die „Halleschen Berichte“ ihre Leserinnen und Leser immer auch dazu heraus, sich innerhalb dieser Differenzlinien selbst zu verorten.

weiterführende Literatur

Die Königl. Dänischen Missionarien aus Ost-Indien eingesandter ausführlicher Berichte, Halle 1705–1775 (= Hallesche Berichte). URL: <https://digital.francke-halle.de/fsdhm>.

Ulrike Gleixner, Expansive Frömmigkeit. Das Netzwerk der hallischen Indienmission im 18. Jahrhundert, in: Brigitte Klosterberg u.a. (Hg.), Mission und Forschung. Translokale Wissensproduktion zwischen Indien und Europa im 18. und 19. Jahrhundert, Halle 2010, S. 57–66.

Andreas Gross u.a. (Hg.), Halle and the Beginning of Protestant Christianity in India, Bd. 1: The Danish-Halle and the English Halle Mission, Bd. 2: Christian Mission in the Indian Context, Bd. 3: Communication between India and Europe, Halle 2006.

Sabine Hübner, Ohne Antwort? (Nicht-)Verstehen am Beispiel von Gesprächsdarstellungen in der missionarischen Berichterstattung des 18. Jahrhunderts, in: International Yearbook for Hermeneutics 16 (2017), S. 265–282.

Daniel Jeyaraj, Hallesche Berichte: Quellen zur Südindienkunde, in: Michael Bergunder (Hg.), Missionsberichte aus Indien im 18. Jahrhundert, Halle 2. Aufl. 2004, S. 94–110.

Heike Liebau, Die Dänisch-Englisch-Hallesche Mission (Tranquebarmission), in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz 2010-12-03. URL: <http://www.ieg-ego.eu/liebauh-2010-de>, URN: urn:nbn:de:0159-20100921291 (11.09.2018).

Zitierempfehlung

Sabine Hübner, Halle und Tranquebar, in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2016. URL: http://www.ieg-differences.eu/ortstermine/sabine-huebner-halle-und-tranquebar, URN: urn:nbn:de:0159-2018120606.

Dieser Text ist lizensiert unter : CC by-nc-nd 4.0 international – Namensnennung, keine kommerzielle Nutzung, keine Bearbeitung.

Abbildungsnachweis

Halle, BFSt: S/MISS:A 1:6.1. URN: urn:nbn:de:gbv:ha33-1-35320.