Ferrara und Florenz / Ferrara e Firenze

Unionsbulle Eugens IV. vom Florentiner Konzil 1439, zweisprachig mit griechischer Unterschrift des byzantinischen Kaisers, Bleibulle des Papstes und Goldbulle des Kaisers.
Unionsbulle Eugens IV. vom Florentiner Konzil 1439, zweisprachig mit griechischer Unterschrift des byzantinischen Kaisers, Bleibulle des Papstes und Goldbulle des Kaisers.

von Mihai-D. Grigore

Inhaltsverzeichnis

1 Die Byzantiner unter Druck: zwischen Hilfe und Kompromissbereitschaft (Konstellationen)
2 Das politische Spannungspotenzial der Theologie (Differenzen)
3 Wenn Theologie die Politik bestimmt (Bedeutungen)
4 Weiterführende Literatur
5 Zitierempfehlung

 

 

 

 

 

Die Byzantiner unter Druck: zwischen Hilfe und Kompromissbereitschaft (Konstellationen)

Im 14. Jahrhundert vollendete die osmanische Dynastie türkischer Stämme die Eroberung Kleinasiens und zerstörte das Byzantinische Reich auf dem asiatischen Kontinent beinahe völlig. Seitdem waren die Osmanen auch in Europa präsent: 1361 nahmen sie die zweitgrößte byzantinische Stadt Adrianopel ein, 1396 vernichteten sie das Bulgarische Zarenreich. 1389 siegte Sultan Murad I. (1359–1389) in der Schlacht von Kosovo Polje über ein Bündnis serbischer, bosnischer und walachischer Verbände. Damit ging auch das serbische Despotat unter.

Die christlichen Herrschaften reagierten auf diese Herausforderung unkoordiniert. Die Versuche der ungarischen und polnischen Könige, einen neuen Kreuzzug der gesamten Christenheit gegen die „Ungläubigen“ zu organisieren, scheiterten – die europäischen Christen waren seit 1054 in eine „östlich-griechische“ und eine „westlich-lateinische“ Glaubensrichtung gespalten. Da die Osmanen den Druck allmählich erhöhten, erhöhte sich für die christlichen Mächte die Notwendigkeit, sich auf eine gemeinsame Reaktion zu verständigen. In diesem Kontext verortet sich das Konzil, das Papst Eugen IV. (1431–1447) Ende 1438 nach Ferrara einberief, um mit Kaiser Johannes VIII. Palaiologos (1425–1448) und Patriarch Joseph II. (1416–1439) eine Union zwischen der lateinischen Papstkirche und der byzantinischen Reichskirche zustande zu bringen. Das Konzil wurde Anfang 1439 nach Florenz verlegt und wird daher als „Konzil von Ferrara-Florenz“ bezeichnet.

In der 700-köpfigen byzantinischen Delegation war nicht nur die Konstantinopeler Reichskirche vertreten, sondern auch die Patriarchate von Antiochien, Jerusalem und Alexandria sowie Repräsentanten der Moskauer und der moldawischen Kirche. Somit wurde die gesamte Ostkirche auf dem Konzil repräsentiert. Die byzantinischen Entscheidungsträger (Kaiser, Patriarch, ein Teil der Bischöfe) waren gewillt, um der politischen Verständigung willen Kompromisse in religiös-kirchlichen Fragen einzugehen, denn sie waren auf die militärische Hilfe der westlichen Mächte gegen die Osmanen angewiesen. Die Vertreter der Papstkirche strebten hingegen an, die gespaltenen Kirchen unter päpstlicher Oberhoheit zusammenzuführen, dem Streben lateinischer Bischöfe nach Eigenständigkeit entgegenzutreten und den päpstlichen Vorrang über die weltlichen Herrscher des „Abendlands“ auszubauen.

Das politische Spannungspotenzial der Theologie (Differenzen)

Auf dem Konzil diskutierte man über vier grundsätzliche Fragen, welche die lateinische Papstkirche und die byzantinische Reichskirche trennten. Diese Fragen stammten aus dem dogmatischen, dem liturgisch-praktischen und dem kanonisch-rechtlichen Bereich. Die lateinische Kirche bekannte sich zum „Filioque“, zum Papstprimat, zum Glauben an das Fegefeuer und zur Eucharistie mit ungesäuertem Brot, während die Ostkirche diese Punkte als Ketzerei ablehnte.

  1. Das „Filioque“ stellte einen Zusatz im nizäo-konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis dar, das in den Kirchen des Abendlandes etwa seit dem 8. Jahrhundert praktiziert wurde. Während das nizäo-konstantinopolitanische „Synbolon“ besagte, dass der Heilige Geist ausschließlisch vom Vater ausgehe („ex Patre procedit“), bekannte sich die lateinische Kirche zum Glauben, dass der Heilige Geist nicht nur vom Vater, sondern auch vom Sohne ausgehe („ex Patre Filioque procedit“).
  2. Der Papstprimat – vom lateinischen „primus“ (der erste) und „primatus“ (Vorrang) bedeutet den Anspruch des römischen Papstes, der Erste aller Bischöfe der Christenheit in Rang und Macht zu sein.
  3. Während die lateinische Kirche des ausgehenden Mittelalters einen Zwischenort zwischen Himmel und Hölle lehrte, wo die Seelen die Chance hatten, sich nach dem Individualgericht von ihren Sünden zu reinigen, um dann in den Himmel aufgenommen zu werden („Fegefeuer“), betonte die Ostkirche, dass es zwischen Hölle und Paradises keine Zwischenstufen gäbe.
  4. Auch die Praxis der Eucharistie trennte die beiden Kirchen: Die Ostkirche feierte die Eucharistie mit gesäuertem Brot (gr. Sg. „artos“), während die lateinische Kirche das ungesäuerte Brot (gr. Pl. „azyma“) verwendete.

Diese unterschiedlichen Auffassungen und Praktiken sollten auf dem Konzil von Ferrara-Florenz überbrückt werden, um eine kirchliche Union der beiden großen Kirchen der Christenheit zu ermöglichen und damit eine politische Basis für den vereinten Widerstand gegen die Osmanen aufzubauen.

Wenn Theologie die Politik bestimmt (Bedeutungen)

Auf dem Konzil von Ferrara-Florenz wurde intensiv um dogmatische, kirchenrechtliche und liturgische Fragen gerungen. Von deren Klärung hing eine kohärente politische und militärische Reaktion auf die osmanische „Gefahr“ unmittelbar ab. In dieser Ausgangslage gelang es dem Konzil von Ferrara-Florenz zumindest ansatzweise, eine Union zwischen der byzantinischen Reichskirche und der lateinischen Papstkirche zustande zu bringen. Auch wenn sie nicht lange dauerte, nur in kleinen Kreisen der orthodoxen Christenheit angenommen wurde und zur Abspaltung der Moskauer orthodoxen Kirche führte – die Union von Ferrara und Florenz zeugt von den realen Bemühungen, eine religiös-ideelle Basis für eine gemeinsame politische und militärische Reaktion der „Christenheit“ gegenüber dem Osmanischen Reich zu schaffen. Man zeigte sich auf beiden Seiten – bei den ostkirchlichen wie den lateinischen Entscheidungsträgern – tendenziell dazu bereit, religiös bestimmte Differenzen wenn nicht beizulegen, so doch zumindest auszublenden. Theologischen Unversöhnlichkeiten setzte man einen politischen Pragmatismus entgegen. Im Konzil von Ferrara-Florenz zeigt sich also eine spätmittelalterliche Ausprägung „europäischer“ Einigungsbestrebungen.

weiterführende Literatur

Giuseppe Alberigo (Hg.), Geschichte der Konzilien. Vom Nicaenum bis zum Vaticanum II., Düsseldorf 1993.

Joseph Gill, The Council of Florence, Cambridge 1959.

Tia M. Kolbaba, The Byzantine Lists. Errors of the Latins, Urbana/Chicago 2000.

Sebastian Kolditz, Johannes VIII. Palaiologos und das Konzil von Ferrara-Florenz (1438/39): das byzantinische Kaisertum im Dialog mit dem Westen, Stuttgart 2014.

Donald M. Nicol, The Last Centuries of Byzantium, 1261–1453, Cambridge 2. Aufl. 1993.

Zitierempfehlung

Mihai-D. Grigore, Ferrara und Florenz / Ferrara e Firenze, in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2016. URL: http://www.ieg-differences.eu/ortstermine/mihai-grigore-ferrara-und-florenz, URN: urn:nbn:de:0159-20161020138.

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Abbildungsnachweis

Wikimedia Commons, gemeinfrei