Wilna / Vilnius

von Kęstutis Daugirdas und Cornelia Aust

Inhaltsverzeichnis

1 Das Erbe des 16. Jahrhunderts
1.1 Eine multikonfessionelle Stadt (Konstellationen)
1.2 Ausgleichsversuche zwischen den Konfessionen (Differenzen)
1.3 Die politische Nachwirkung der Wilnaer Konföderation (Bedeutungen)

2 Religiöse und politische Bewegungen im osteuropäischen Judentum
2.1 Im Bann einer neuen jüdischen religiösen Bewegung (Konstellationen)
2.2 Religiöse, soziale und politische Bewegungen (Differenzen)
2.3 Jüdische Vielfalt und Transnationalität (Bedeutungen)

3 Weiterführende Literatur
4 Zitierempfehlung

Das Erbe des 16. Jahrhunderts

Eine multikonfessionelle Stadt (Konstellationen)

Nikolaus Radziwiłł (1515–1565), gen. der Schwarze
Nikolaus Radziwiłł (1515–1565), gen. der Schwarze

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts avancierte Wilna (lit. Vilnius, poln. Wilno, russ. Vilna, jidd. Vilne), die Hauptstadt des Großfürstentums Litauen, endgültig zu einer multikonfessionellen Stadt. Zu den katholischen und orthodoxen Glaubensgemeinschaften traten in den 1550er-Jahren protestantische Gruppen hinzu, die vornehmlich vom Adel gefördert wurden. Sie gliederten sich in eine lutherische und eine reformierte Gemeinde auf. Jene bestand seit 1555, und diese konstituierte sich um die Jahreswende 1557/58, nachdem der litauische Großkanzler und Förderer der Reformation, Nikolaus Radziwiłł (1515–1565), gen. der Schwarze, einen Aufenthalt des Reformators Johannes Łaski (Johannes a Lasco, 1499–1560) in Wilna arrangiert hatte.

In der reformierten Gemeinde machten sich außerdem zu Beginn der 1560er-Jahre täuferischantitrinitarische Einflüsse bemerkbar. Sie wurden ausgeschieden, als der litauische Großkanzler Nikolaus Radziwiłł (ca. 1512–1584), gen. der Rote, 1577 ein Grundstück an die reformierte Gemeinde mit der Bestimmung verkaufte, dass dort eine Kirche für die Anhänger des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses (lateinisch 1566, polnisch 1570) errichtet werden solle. Die Kirche wurde gebaut, da die Söhne von Radziwiłł dem Schwarzen zum Katholizismus zurückgekehrt waren. In deren Palast hatten die reformierten Gottesdienste bis dahin stattgefunden.

Die starke Präsenz des antirömisch gesinnten Adels gab schließlich den Ausschlag dafür, dass Wilna 1599 zum Ort des Treffens ausgesucht wurde, auf dem Protestanten und Orthodoxe die Möglichkeiten einer Union ausloteten. 1596 hatte sich ein Teil der Orthodoxen infolge der Brester Union (1596) dem Papst als Oberhaupt unterworfen, wobei sie die althergebrachten Riten beibehalten konnten. Dadurch hatte sich die Kirche in „Unierte“ und sog. Disuniten gespalten. Diese suchten daraufhin den Schulterschluss mit den Protestanten, mit denen sie 1599 die Wilnaer Konföderation schlossen.

Ausgleichsversuche zwischen den Konfessionen (Differenzen)

Der Katholizismus hatte sich auf der Basis des Tridentinums konsolidiert; Katholische und Unierte hatten sich zusammengeschlossen. Vor diesem Hintergrund bemühten sich die restlichen Konfessionen, die sie trennenden Differenzen zu überwinden. Schon im Jahr 1585 hatten sich Lutheraner und Reformierte auf Einladung des reformierten Wojewoden (Herrschers) von Wilna, Christoph Radziwiłł (1547–1603), zu einem Religionsgespräch getroffen, an dem hochrangige litauische Amtsträger wie führende Theologen beider Seiten teilnahmen. Verhandelt wurden die Lehrdifferenzen in Bezug auf das Abendmahl, ohne dass man zu einer Einigung gelangte.

Mit einem ähnlichen theologischen Ergebnis endeten die von Radziwiłł und seinem orthodoxen Schwiegervater Konstantin Ostrogski (1526–1608) 14 Jahre später angeregten Bemühungen um eine Kirchenunion zwischen den Protestanten und den Disuniten. Auf der Wilnaer Versammlung, die im Mai 1599 tagte und an der sich weltliche Amtsträger und Geistliche aller nicht-katholischen Konfessionen (ohne die Antitrinitarier) beteiligten, kam man zwar miteinander ins Gespräch, aber nicht zur kirchlichen Einigung. Politisch hingegen rangen sich die Beteiligten zu einer Konföderation durch. Diese verpflichtete sie, sich gegenseitig zu unterstützen und ihre jeweiligen Interessen zu wahren. Dabei gingen sie von der Warschauer Konföderation (1573) aus, die eine politische Benachteiligung aufgrund konfessioneller Differenzen ausschloss. Um diese Vereinbarungen gemeinsam durchzusetzen, legten die Konföderierten aus ihren Reihen auch die dafür erforderlichen Generalprovisoren fest.

Die politische Nachwirkung der Wilnaer Konföderation (Bedeutungen)

Die Bedeutung der innerprotestantischen Bemühungen um eine Überwindung der konfessionellen Differenzen, die zu Wilna unternommen wurden, war gering. Zwar fand das Religionsgespräch von 1585 unter reger Beteiligung interessierter Laien statt, doch wegen seines Misserfolgs fiel es bald in Vergessenheit. Ein auf dem Weg eines Religionsgesprächs zu erreichender theologischer Ausgleich kam später selbst angesichts der einsetzenden Ausschreitungen gegen die Protestanten nicht mehr infrage. Anders verhielt es sich mit der zu Wilna geschlossenen Konföderation zwischen Protestanten und Orthodoxen. Politisch angelegt, ermöglichte sie den Konföderierten in den anschließenden Jahrzehnten, auf den polnisch-litauischen Reichstagen eine gemeinsame Linie einzunehmen, wenn es darum ging, sich in Fragen zu verständigen, die die Religionsfreiheit betrafen.

Noch im 18. Jahrhundert, zu Zeiten der für die Protestanten nachteiligen Herrschaft der sächsischen Wettiner, berief man sich auf die Wilnaer Konföderation, um eine koordinierte Fürsprache der ausländischen Schutzmächte der polnisch-litauischen Protestanten und Orthodoxen zu erwirken: Als sich der preußische König Friedrich Wilhelm I. (1688–1740) und die russische Zarin Anna (1693–1740) im Jahr 1737 darum bemühten, die prekäre Lage der nicht katholischen Christen Polen-Litauens zu erleichtern, bezogen sie sich ausdrücklich auf die Wilnaer Konföderation. In den 1760er-Jahren wurde die Konföderation erneuert. Am 20. März 1767 schlossen Orthodoxe, Lutheraner und Reformierte zu Słuck ein analoges Abkommen, das, von 270 Personen der beteiligten Konfessionen unterzeichnet, durch russische, preußische, dänische, englische und schwedische Gesandte garantiert wurde.

Religiöse und politische Bewegungen im osteuropäischen Judentum

Elijah ben Solomon (1720–1797), gen. „Der Gaon von Wilna“, postumes Porträt von unbekannt.

Im Bann einer neuen jüdischen religiösen Bewegung (Konstellationen)

Wilna war ein bedeutendes Zentrum jüdischen Lebens. Seit Mitte des 15. Jahrhunderts lebten Juden in der Hauptstadt des litauischen Großfürstentums, das 1569 Teil der polnisch-litauischen Adelsrepublik wurde. Trotz wiederkehrender Spannungen mit der christlichen Bevölkerung wohnten 1800 ca. 5.700 Juden in der Stadt. Mit der 3. Teilung Polen-Litauens 1795 wurde Wilna Teil des Russischen Reiches. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Stadt zu einem der Zentren des osteuropäischen Judentums. 1897 lebten ca. 63.000 Juden (41 Prozent der Bevölkerung) in der Stadt, eine Zahl, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts weiter stieg.

Im April 1772 verhängte der angesehene jüdische Gelehrte und Rabbiner, Elijah ben Solomon (1720–1797), der Gaon von Wilna, gemeinsam mit den Vorstehern der jüdischen Gemeinde Wilnas einen Bann gegen die Anhänger des Chassidismus (Chassidim, hebr. die Frommen). Diese neue religiöse Bewegung hatte sich seit den 1760er-Jahren vor allem im südöstlichen Teil Polen-Litauens entwickelt. Auf der Suche nach spiritueller Erneuerung lehnten viele Anhänger des Chassidismus auch die traditionellen Gemeindestrukturen ab. Elijah ben Solomon sprach sich vor allem gegen deren ekstatische Gebetspraxis und die Vernachlässigung des Torastudiums aus. Er setzte sich an die Spitze einer rabbinischen Gegenbewegung zum Chassidismus, die Misnagdim (auch Mitnagdim, hebr. Gegner) genannt wurden. Langfristig scheiterte dieser Kampf gegen den Chassidismus.

Religiöse, soziale und politische Bewegungen (Differenzen)

Bereits im Laufe des 18. Jahrhunderts zeichneten sich religiöse und soziale Verwerfungen im osteuropäischen Judentum ab, die durch politische Unruhen und die Teilungen Polens noch verstärkt wurden. Im Südosten Polens trat mit Rabbi Israel ben Eliezer (ca. 1700–1760, auch: Ba’al Shem Tov – Meister des Guten Namens, kurz: Bescht) eine charismatische Persönlichkeit in Erscheinung. Angesehen in der jüdischen Gemeinde, beschäftigte er sich mit Magie, studierte die Kabbalah (esoterische Texte) und betätigte sich als Heiler. Erst nach seinem Tod entwickelten seine Schüler die neue religiöse Bewegung des Chassidismus. Die Betonung eines lebendigen und bewussten Gebets zu Gott im Gegensatz zum Vorrang des Torastudiums zog viele Gläubige an. Sie entwickelten außerdem bald ein neues Modell geistiger Führung, das sich im 19. Jahrhundert als sehr erfolgreich erwies.

Chassidische Führer errichteten ihre eigenen Höfe, zu denen die Gläubigen pilgerten. Die neue Bewegung breitete sich auch im Russischen und im Habsburger Reich aus, obwohl sie durch die Misnagdim bekämpft wurde. Die Misnagdim, die vor allem aus dem litauischen Teil der Adelsrepublik kamen, entwickelten eine eigene theologische Alternative zum Chassidismus, die das hingebungsvolle Studium der heiligen Texte des rabbinischen Judentums in den Mittelpunkt stellte. Hayim ben Yitshak aus Volozhin (1749–1821), der wichtigste Schüler Elijah ben Solomons, gründete 1802 in Volozhin (Weißrussland) die erste Yeshiva (Lehrhaus) der Misnagdim. Im 19. Jahrhundert errichteten Anhänger der Bewegung ein umfangreiches Netzwerk solcher religiösen Lehrhäuser.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstand eine weitere Bewegung, die sich intensiv gegen den Chassidismus wandte. Die osteuropäische Form der Haskalah, der jüdischen Aufklärung, und ihre Anhänger, die Maskilim, führten scharfe Attacken gegen die Chassidim. Neben Galizien war Wilna ab den 1840er-Jahren ein Zentrum der Haskalah in Osteuropa. In Wilna gründeten Maskilim eine ganze Reihe privater Schulen. Trotzdem stellten Maskilim, die vor allem bemüht waren, rationale Konzepte des jüdischen Glaubens zu entwickeln, nur eine sehr kleine Minderheit der osteuropäischen Juden.

In den 1840er-Jahren verschärfte sich die Gegnerschaft zwischen Maskilim und Misnagdim, als die russische Regierung zeitweise die Haskalah unterstützte und in die Berufung von Rabbinern sowie in die Lehrinhalte jüdischer Schulen eingriff. Dagegen wurde der Konflikt zwischen Chassidim und Misnagdim schwächer, da sich beide zunehmend mit den Herausforderungen der Akkulturation von Teilen der jüdischen Bevölkerung an die nichtjüdische Umwelt auseinandersetzen mussten.

Vor allem ab den 1880er-Jahren entwickelten sich neue politische Bewegungen, die auch die jüdische Bevölkerung erfassten. Neben verschiedenen nationalen jüdischen Bewegungen, darunter der Zionismus, konnten vor allem sozialistische Ideen Fuß fassen. Eine große jüdische Arbeiterschicht lebte weitestgehend in Armut. 1897 wurde in Wilna der Jüdische Arbeiterbund in Litauen, Russland und Polen (kurz: Bund) gegründet. Er organisierte Demonstrationen und Streiks und war zu dieser Zeit die größte und am besten organisierte jüdische Partei in Osteuropa.

Jüdische Vielfalt und Transnationalität (Bedeutungen)

Die Entstehung verschiedener religiöser, kultureller und später politischer Strömungen innerhalb des osteuropäischen Judentums verdeutlicht, wie vielfältig sich die jüdische Gesellschaft entwickelte. Vor allem der Chassidismus schwächte die traditionellen jüdischen Eliten und bot eine Alternative zu alten Machtstrukturen und traditionellen Formen von Religiosität. Gleichzeitig strahlten alle Bewegungen weit über den osteuropäischen Raum hinaus aus. Mit der verstärkten jüdischen Migration nach Westeuropa, in die USA, nach Südamerika und nach Palästina verbreitete sich der Chassidismus weltweit und spielt noch heute in Israel und den USA, vor allem in New York, eine wichtige Rolle. Auch die jüdische Arbeiterbewegung war bis zu Beginn des Kalten Krieges weltweit aktiv. Wilna spielte dabei als kulturelles, religiöses und politisches Zentrum eine wichtige Rolle, bis die Stadt im Zweiten Weltkrieg 1941 von der deutschen Armee erobert wurde. Das in Wilna errichtete Ghetto wurde 1943 liquidiert, die meisten jüdischen Bewohner, die nicht emigrieren konnten, starben im Holocaust.

weiterführende Literatur

Zu Abschnitt 1 (Das Erbe des 16. Jahrhunderts)

Alfons Brüning, Unio non est unitas. Polen-Litauens Weg im konfessionellen Zeitalter (1569–1648), Wiesbaden 2008.

Kęstutis Daugirdas, Andreas Volanus und die Reformation im Großfürstentum Litauen, Mainz 2008.

Hans-Dieter Diedrich, „Auf dem Weg zur Glaubenseinheit…“ Reformationsgeschichte Weißrusslands, Erlangen 2005.

Domet Oljančyn, Zur Frage der Generalkonföderation zwischen Protestanten und Orthodoxen in Wilna 1599, in: Kyrios. Vierteljahresschrift für Kirchen- und Geistesgeschichte Osteuropas 1 (1936), S. 29–46.

Stefan Rohdewald u.a. (Hg.), Lithuania and Ruthenia. Studies of a Transcultural Communication Zone (15th–18th Centuries), Wiesbaden 2007.

Zu Abschnitt 2 (Religiöse und politische Bewegungen im osteuropäischen Judentum)

Yeshayahu Balog / Matthias Morgenstern, Der Chassidismus – eine mystische Bewegung im osteuropäischen Judentum, in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz 2010-12-03. URL: http://www.ieg-ego.eu/balogy-morgensternm-2010-de, URN: urn:nbn:de:0159-2010092141 (12.08.2016).

Israel Bartal, Geschichte der Juden im östlichen Europa 1772–1881, Göttingen 2009.

Gershon David Hundert, Jews in Poland-Lithuania in the Eighteenth Century. A Genealogy of Modernity, Berkeley 2004.

Dovid Katz, Lithuanian Jewish Culture, Vilnius 2004.

Frank Wolff, Neue Welten in der Neuen Welt: Die transnationale Geschichte des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes, 1897–1947, Köln 2014.

Zitierempfehlung

Kęstutis Daugirdas und Cornelia Aust, Wilna / Vilnius, in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2016. URL: http://www.ieg-differences.eu/ortstermine/kestutis-daugirdas-cornelia-aust-vilnius, URN: urn:nbn:de:0159-20161020451.

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Abbildungsnachweis

beide Fotos: Wikimedia Commons – gemeinfrei