Auschwitz / Oświęcim

Auschwitz Gedenkstätte
Das „päpstliche Kreuz“ von 1979 (links) wurde später in der Kiesgrube neben dem zum ehemaligen Lager gehörenden „Theatergebäude“ (rechts, 1984–1993 Karmeliterinnenkloster) aufgestellt. Sowohl die Gründung des Klosters als auch eine große private Sammlung von kleineren Kreuzen, die auf Initiative polnischer Nationalisten ab 1998 rund um dasjenige des Papstes aufgestellt wurde, führten zu heftigen Auseinandersetzungen um die Erinnerung an Auschwitz.

von Julia Röttjer

Inhaltsverzeichnis

1 Ort der Erinnerung an das ehemalige deutsche nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau (Konstellationen)
2 Säkulare und religiöse Erinnerung – christliches und jüdisches Gedenken (Differenzen)
3 Öffnung, Dialog, Konflikt (Bedeutungen)
4 Weiterführende Literatur
5 Einzelnachweise
6 Zitierempfehlung

 

 

 

 

 

 

Ort der Erinnerung an das ehemalige deutsche nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau (Konstellationen)

Am 16. Oktober 1978 wurde der Erzbischof von Krakau, Karol Wojtyła, zum neuen Papst der römisch-katholischen Kirche gewählt. Kurz nach seinem Amtsantritt reiste er in seine Heimat, die Volksrepublik Polen. Er besuchte eine Reihe symbolträchtiger Orte und sprach dort zu Millionen Menschen. Seine Reise sollte im Laufe der 1980er-Jahre für die Entwicklung einer Oppositionsbewegung gegen die kommunistische Regierung Polens enorme Bedeutung erlangen. Am 7. Juni 1979 besuchte Johannes Paul II. das ehemalige deutsche nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Es war während des Zweiten Weltkriegs im okkupierten Polen von den deutschen Besatzern errichtet und betrieben worden. Das Lager bestand von 1940 bis 1945 und umfasste neben Anlagen für Zwangsarbeiter und Industrie sowie zahlreichen Nebenlagern hauptsächlich die Konzentrations- und Vernichtungskomplexe Auschwitz und Birkenau. Schon zwei Jahre nach Kriegsende war zur Erinnerung an die hier begangenen Verbrechen eine staatliche Gedenkstätte[1] eröffnet worden, welche aus diesen beiden Hauptarealen, gelegen in den nunmehr wieder polnischen Gemeinden Oświęcim und Brzezinka, bestand.

Der Papst machte zunächst einen Rundgang im ehemaligen „Stammlager“ Auschwitz, das vornehmlich aus steinernen Häftlingshäusern bestand. Unter den getöteten Häftlingen hob der Papst den katholischen Priester Maximilian Kolbe hervor, der freiwillig mit einem anderen, willkürlich zur Hinrichtung bestimmten Mann getauscht hatte und deshalb als Märtyrer verehrt wurde. Danach feierte Johannes Paul II. mit hunderttausenden Menschen eine Messe auf dem Gelände von Birkenau. Hier hatten die deutschen Nationalsozialisten bis 1945 mindestens 1,1 Millionen Menschen ermordet, darunter mindestens eine Million Juden, größtenteils aus Ungarn und Polen. Hinzu kamen zehntausende nichtjüdische Polen, sowjetische Kriegsgefangene, Roma und Sinti sowie andere Opfer.

An diesem symbolträchtigen Ort hielt im Juni 1979 der Papst eine weit rezipierte Predigt.[2] Darin hob er neben Kolbe die Ordensschwester Edith Stein hervor, die aufgrund ihrer jüdischen Herkunft nach Auschwitz-Birkenau deportiert und in der Gaskammer getötet worden war. Er interpretierte ihren Tod stellvertretend für den Tod aller in Auschwitz-Birkenau getöteten Menschen als Sieg der Menschlichkeit und der gesamten Menschheit. Im Rahmen seiner Predigt schritt Johannes Paul II. das große Denkmal ab, das einige Jahre zuvor in einem internationalen Wettbewerb errichtet worden war. Darauf wurde in 16 Sprachen der Opfer gedacht. Der Papst widmete sich unter anderem der Tafel in hebräischer Sprache und betonte das Leiden der jüdischen Opfer.

Säkulare und religiöse Erinnerung – christliches und jüdisches Gedenken (Differenzen)

Die polnischen Zeitgenossen empfanden diese Form des Gedenkens an die jüdischen Opfer nicht als selbstverständlich: Auschwitz-Birkenau stand zu dieser Zeit in Polen in einer kommunistischen Lesart zuallererst für polnische Häftlinge und kommunistische Widerstandskämpfer unterschiedlicher Nationalität. Unter die Opfer aus vielen unterschiedlichen Ländern wurden 1979 auch die jüdischen Opfer gefasst. Dass ausgerechnet ein polnischer Papst die jüdischen Opfer betonte, wurde von der katholischen Bevölkerung Polens positiv aufgefasst und international als wegweisend für den christlich-jüdischen Dialog eingeschätzt.

Doch legte die christliche Deutung der Schicksale Maximilian Kolbes und Edith Steins zugleich Differenzen in der Erinnerung an Auschwitz frei. Den Sieg der Menschlichkeit unter den unmenschlichen Bedingungen des Lagers hervorzuheben, konnte Trost spenden, jedoch auch unüberbrückbare Differenzen mit individuellen Leidenserfahrungen verstärken. Indem er das christliche Märtyrertum Kolbes betonte, den er zum Sinnbild für alle Häftlinge und für den Sieg der Liebe über die Schrecken des Lagers stilisierte, entwarf Johannes Paul II. ein geradezu messianisches Bild. Auch die Geschichte der Karmeliterschwester Edith Stein interpretierte der Papst in dieser Weise, obgleich sie wegen der ihr zugeschriebenen Zugehörigkeit zum Judentum ermordet worden war. Diese nachträgliche Sinngebung für den millionenfachen Tod jüdischer Opfer durch den von Nationalsozialisten verübten Massenmord widersprach der jüdischen Interpretation der Erinnerung an Auschwitz-Birkenau. Dadurch wurden spezifisch jüdische Leidenserfahrungen in eine christliche Erzählung integriert und von dieser überformt.

Öffnung, Dialog, Konflikt (Bedeutungen)

Der Besuch von Johannes Paul II. in Polen 1979, mit seiner sog. „Pilgerreise“ zur Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, der Messe und der Predigt in Birkenau, gilt als Meilenstein für die Formierung eines öffentlichen Widerstands gegen das kommunistische Regime in Polen. Es ist in der Geschichtsschreibung immer wieder betont worden, dass diese Reise die historische Entwicklung kräftig angestoßen habe, welche letztendlich zur Ablösung des staatlich organisierten Kommunismus geführt habe – auch in einer gesamteuropäischen Dimension. Die politische Entwicklung in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre ermöglichte zugleich neue Formen des Gedenkens und internationale Kooperationen. So beteiligen sich seit 1988 jüdische Jugendgruppen aus aller Welt an Bildungs- und Gedenkveranstaltungen, die in einem „Marsch der Lebenden“ von Auschwitz nach Birkenau münden.

Darüber hinaus trugen die Vorgänge zur Festigung der christlichen Erinnerungskultur in Auschwitz-Birkenau bei, die mit der jüdischen Erinnerung in Konflikt geriet. Von den Auslegungen Johannes Pauls II. angeregt, gründeten Karmeliterschwestern 1984 ein Kloster in einem Gebäude, das früher zum Lager gehört hatte. Die Klostergründung in unmittelbarer Nähe zum Gedenkort führte zu einer internationalen Kontroverse. Diese dominierte für ein Jahrzehnt nicht nur den Diskurs über die divergierende Erinnerung an Auschwitz, sondern wirkte sich auch insgesamt belastend auf die christlich-jüdischen und die polnisch-jüdischen Beziehungen aus. Auf internationaler Ebene, etwa bei jüdischen Opferverbänden, war die Papstpredigt von Birkenau 1979 zwar insgesamt als ein Schritt zur Versöhnung interpretiert worden. Doch die späteren christlichen Gedenkformen, welche sich auf diese Botschaft beriefen, verstärkten Konflikte und Differenzen in der Erinnerung an Auschwitz-Birkenau.

weiterführende Literatur

Manfred Deselaers, Die Predigt von Johannes Paul II in Auschwitz-Birkenau – neu gelesen 25 Jahre später. Vortrag zur Konferenz „Hermeneutik der Lehre von Johannes Paul II“, Bielsko-Biała, 17.11.2005. URL: <http://www.cdim.pl/de/bildung/materialien/texte/54-dialog-w-obliczu-auschwitz/181-2005-homilia-jana-pawa-ii-wygoszona-w-auschwitz-birkenau-czytana-25-lat-poniej> (01.04.2016).

Jonathan Huener, Auschwitz, Poland, and the Politics of Commemoration, 1945–1979, Athens, OH 2003.

Magdalena Marzałek, Holocaust. Die Tragödie der Nachbarn, in: Hans Henning Hahn u.a., Deutsch-Polnische Erinnerungsorte, Bd. 2: Geteilt / Gemeinsam, Paderborn 2014, S. 641–660.

Bernard Suchecky u.a., The Carmelite Convent at Auschwitz: The Nature and Scope of a Failure, in: Alan Astro (Hg.), Discourses of Jewish Identity in Twentieth-Century France, New Haven, CT 1994, S. 160–173.

Zofia Wóycicka, Auschwitz. Ein Verbrechen und viele Erinnerungen, in: Hans Henning Hahn u.a. (Hg.), Deutsch-Polnische Erinnerungsorte, Bd. 2, Paderborn 2014, S. 615–640.

Einzelnachweise

  1. http://auschwitz.org/en/ (27.10.2016).
  2. Predigten und Ansprachen von Papst Johannes Paul II. bei seiner Pilgerreise durch Polen 2. bis 10. Juni 1979, Bonn o.D. [1979], S. 80–84. URL: <http://cdim.pl/de/bildung/materialien/texte/52-oficjalne-teksty-kocioa-katolickiego/60-1979-06-07-jan-pawe-ii-homilia-na-terenie-byego-obozu-koncentracyjnego-owicim-brzezinka> (verbessert nach Vergleich mit dem gesprochenen Original von Manfred Deselaers).

 

Zitierempfehlung

Julia Röttjer, Auschwitz / Oświęcim, in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2016. URL: http://www.ieg-differences.eu/ortstermine/julia-roettjer-auschwitz, urn:nbn:de:0159-2016102058.

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Abbildungsnachweis

Julia Röttjer