Warschau / Warszawa

von Gregor Feindt

Inhaltsverzeichnis

1 Die Konföderation von Warschau
1.1 Den Frieden wahren (Konstellationen)
1.2 Eine Republik vieler Bekenntnisse (Differenzen)
1.3 Freiheit im Glauben? (Bedeutungen)

2 Den Warschauer Aufstand erinnern
2.1 Eine aufständische Stadt (Konstellationen)
2.2 Die vielen Aufstände (Differenzen)
2.3 Unterschiedliche Kriegserinnerung in Europa (Bedeutungen)

3 Weiterführende Literatur
4 Einzelnachweise
5 Zitierempfehlung

Die Konföderation von Warschau

Urkunde der Konföderation von Warschau, 1573, Archiwum Główne Akt Dawnych w Warszawie, Zbiór dokumentów pergaminowych, sygn. 4467.

Den Frieden wahren (Konstellationen)

Am 28. Januar 1573 bestätigte der polnische Adel in der Konföderation von Warschau den Frieden „zwischen den ungleich in Religions sachen gesinten“[1] auf dem Gebiet Polen-Litauens und bekannte die Gleichheit aller Adliger unabhängig von ihrer Konfession.

Nach dem Tod von König Sigismund II. im August 1572 stand die polnisch-litauische Adelsrepublik vor einer unfertigen Staatsreform und zugleich vor der Herausforderung einer vielfältigen religiösen Differenzierung im größten Flächenstaat Europas. Erst 1569 hatte der Sejm in der Union von Lublin die Personalunion zwischen dem Königreich Polen und dem Großfürstentum Litauen in eine Realunion umgewandelt und für die Zukunft die Wahl des Königs bestimmt. Religiöse Freiheiten in der multireligiösen Adelsrepublik beruhten auf königlichen Privilegien, so dass der Reichstag zur Vorbereitung der Königswahl deren Bestätigung verhandelte.

Damit machte dieser Konvokationssejm von seinem Vorrecht Gebrauch, sich in einer Konföderation ohne den König zu organisieren, und griff der zu erwartenden Wahl eines ausländischen und katholischen Königs vor. Mit ihrer vielfach besiegelten Urkunde formulierte die Warschauer Konföderation eine auch die Religionsfrage behandelnde Wahlkapitulation, die in der Folge Teil der verfassungsmäßigen Bestimmungen wurde, auf die sich die zukünftigen polnischen Könige mit ihrer Wahl verpflichten mussten.

Eine Republik vieler Bekenntnisse (Differenzen)

Bereits vor der Reformation war die religiöse Lage in Polen und Litauen ausgesprochen komplex. Neben der römisch-katholischen Kirche prägten die verschiedenen orthodoxen Kirchen gerade den Osten des Gemeinwesens. Hinzu kamen Juden und tatarische Muslime. Die konfliktvermeidende Politik der Jagiellonen-Könige privilegierte jedoch vor allem die römisch-katholische Kirche. Orthodoxen war beispielsweise in Litauen bis 1563 der Zugang zu höchsten Staatsämtern versagt.

In Polen verbreitete sich die Reformation schon in den 1520er-Jahren in den preußischen Städten Danzig, Elbing, Thorn, wo sie gewaltsam unterdrückt wurde. Seit den 1540er- und 1550er-Jahren fanden in Großpolen lutherische, in Kleinpolen und Litauen reformierte Lehren in der Schlachta (dem niederen Adel) und auch unter den Magnaten (dem Hochadel) zunehmend Anhänger. Dabei wurde das religiöse Bekenntnis als Teil der Freiheit des Adels begriffen; häufiger Streitpunkt zwischen Adel und Klerus auf den Reichstagen wurde die kirchliche Gerichtsbarkeit oder die Vollstreckung kirchlicher Strafen. Zudem erklärte König Sigismund II. August seit 1552 mehrfach die Duldung der reformatorischen Bekenntnisse. Im Konsens von Sandomierz (1570) verständigten sich Lutheraner, Calvinisten und Böhmische Brüder im Hinblick auf das gemeinsame Ziel politischer Gleichberechtigung auf eine Abendmahls- und Kanzelgemeinschaft, ohne jedoch die theologischen Differenzen dauerhaft ausräumen zu können. Zum Zeitpunkt der Warschauer Konföderation war die Mehrzahl der weltlichen Abgeordneten im Senat protestantisch.

Parallel dazu wurde die polnisch-litauische Adelsrepublik ein Anlaufpunkt für religiös Verfolgte aus ganz Europa. Nach 1548 emigrierten zahlreiche Böhmische Brüder ins Königreich Polen. Zudem konnten sich in Polen unterschiedliche Antitrinitarier etablieren, die anderswo in Europa verfolgt wurden. Aus dem Konsens von Sandomierz und der Warschauer Konföderation blieben die Antitrinitarier jedoch ausgeschlossen.

Freiheit im Glauben? (Bedeutungen)

Diese Vielfalt bestätigte die Konföderation von Warschau und stabilisierte sie in einer Übereinkunft, bevor ein bewaffneter Konflikt überhaupt erst ausgebrochen war. Von der älteren und gerade der polnischen Forschung wurde die Urkunde der Konföderation von Warschau als Dokument religiöser Toleranz gedeutet. 2003 wurde sie als solche ins UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommen.

Dabei formulierte die Konföderation keine Toleranz im modernen Sinne. Vielmehr sicherte sie die friedliche Koexistenz und war damit im europäischen Vergleich bemerkenswert erfolgreich. Sie verwies dabei aber nicht auf die unterschiedlichen Konfessionen, sondern lediglich auf die „im Glauben Verschiedenen“, also auf Individuen, und zwar auf den polnisch-litauischen Adel selbst.

Im politischen Kontext von Staatsreform und Königswahl versicherte sich die Schlachta konfessionsübergreifend ihrer individuellen politischen Rechte, indem sie diese auch in religiösen Fragen bekräftigte. Die Warschauer Konföderation setzte den Integrationsgedanken der Union von Lublin (1569) fort und stellte den Zusammenhalt des Adels und seine Freiheiten als staatstragendem Stand über konfessionelle Auseinandersetzungen. Zugleich sicherte sich die Konföderation so vor Eingriffen des zu wählenden König in diese Freiheitsrechte ab.

Den Warschauer Aufstand erinnern

Wandbild zur Erinnerung an den Warschauer Aufstand im Stadtteil Wola, ul. Wolska.

Eine aufständische Stadt (Konstellationen)

Jedes Jahr am 1. August heulen um 17 Uhr in Warschau die Sirenen laut auf und rufen die Bevölkerung der Stadt auf, inne zu halten und des Beginns des Warschauer Aufstands 1944 gegen die deutsche Besatzung zu gedenken. Der Gedenkakt anlässlich der sogenannten „Stunde W“ ist ein zentraler Punkt der polnischen Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Beispielhaft steht er für die vielfältigen Auseinandersetzungen um eine angemessene Verarbeitung der Schrecken dieses Krieges, aber auch dafür, wie diese Erinnerung politisiert wurde und wird.

Nach beinahe fünf Jahren brutalen Kriegs- und Besatzungsalltags stellte der Warschauer Aufstand den Versuch dar, die polnische Hauptstadt während des Rückzugs der deutschen Truppen zu befreien. Die polnische Exilregierung und die ihr unterstellte Heimatarmee wollten so die nachrückenden sowjetischen Verbände und die Moskau-treue polnische Volksarmee als Herren im eigenen Haus begrüßen. Stattdessen entwickelte sich über 63 Tage hinweg ein erbitterter Häuserkampf gegen Wehrmachts- und SS-Verbände. Die Rote Armee machte derweil am rechten Weichselufer Halt und griff nicht ein. Am Ende des Aufstands hatten etwa 15.000 Soldaten der polnischen Heimatarmee und 150.000–225.000 zivile Bewohnerinnen und Bewohner ihr Leben verloren. Was von Warschau nicht im Kampf zerstört worden war, sprengten die deutschen Besatzungstruppen vor ihrem Abzug systematisch. Die polnische Hauptstadt wurde dem Erdboden gleich gemacht.

Die vielen Aufstände (Differenzen)

Noch in den Ruinen begann der Deutungskampf um den Aufstand, denn die zerstörte Stadt stellte die Frage nach dem Sinn des Aufstands. Brandmarkten die neuen kommunistischen Herrscher ihn als Größenwahn der bürgerlichen Exilregierung, war er vielen Polen ein Zeichen des Freiheitskampfs. Gleichzeitig blieb der Aufstand in Deutschland bis in die Gegenwart trotz aller Zerstörung weitgehend unbekannt. In der Erinnerung an den Warschauer Aufstand, wie auch generell an den Zweiten Weltkrieg in Polen, strukturierten die unterschiedlichen Kriegsparteien auf diese Weise spätere Erinnerungsgemeinschaften vor, sowohl innerhalb Polens als über dessen Grenzen hinaus.

In der direkten Nachkriegszeit war die Erinnerung an die Gefallenen des Warschauer Aufstands tabuisiert, ebenso der positive Bezug auf die Heimatarmee. Dies änderte sich erst mit dem Ende des Stalinismus in Polen ab 1956, als erste Bücher und auch Kinofilme den Aufstand aufgreifen konnten. Seit diesen Jahren wurde der Warschauer Powązki-Friedhof jeweils zum 1. August der Versammlungsort des nonkonformen Polens. Hier konnte der Gefallenen des Aufstands und der Heimatarmee vergleichsweise offen gedacht werden, nicht jedoch der Opfer sowjetischer Verbrechen, wie beispielsweise der in Katyń ermordeten polnischen Offiziere.

In der neuen politischen Wirklichkeit nach 1989 fand der Aufstand einen Platz im offiziellen und staatlichen Gedenken. Überall in der Stadt wurde nun an die einzelnen Kampfhandlungen mit Gedenkplaketten sichtbar erinnert. Doch erst der 60. Jahrestag des Aufstandes im Jahr 2004 markierte den weitreichenden Schritt hin zur populärkulturellen Erinnerung. Gerade junge Polen stellten in historischen Uniformen einzelne Szenen des Aufstands nach, und das 2006 eröffnete Museum für den Warschauer Aufstand wurde mit seiner multimedial überwältigenden Ausstellung zum vielleicht erfolgreichsten Museumsneubau des gegenwärtigen Europa. Der 2014 erschienene Kinofilm „Warschau 44“, der auch im ZDF ausgestrahlt wurde, inszenierte den Freiheitskampf junger Polen in der Ästhetik moderner Videoclips.

In dieser Konstellation wurden Zweifel am Sinn des Aufstands zunehmend unsagbar. Liberale und kosmopolitische Stimmen, die an den Aufstand als „nationale Katastrophe“ erinnern und gleichzeitig die Toten einschließlich der zivilen Opfer ehren wollten, sahen sich des Vergleichs mit der staatssozialistischen Tabuisierung ausgesetzt. Das vermeintlich richtige Erinnern an den Aufstand wurde zunehmend – und erneut – zum Gegenstand einer ideologischen und parteipolitischen Konfrontation.

Unterschiedliche Kriegserinnerung in Europa (Bedeutungen)

Warschau als Ort zeigt deutlich, wie unterschiedlich die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Deutschland und Polen war. Bis heute wird der Warschauer Aufstand in Deutschland oftmals mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto gleichgesetzt oder verwechselt. Dieser war 1943 ausgebrochen, nachdem die meisten der bis zu 450.000 Bewohnerinnen und Bewohner des Ghettos zur Vernichtung in das Lager Treblinka deportiert worden waren. Zugleich ist der Kniefall Willy Brandts vor dem Denkmal des Ghettoaufstands im Jahr 1970 – eines der symbolträchtigsten Bilder deutscher Vergangenheitsbewältigung und dabei als Schuldbekenntnis für die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs verstanden – in Polen weitgehend unbekannt.

Bei allen Unterschieden in der Erinnerung an den Warschauer Aufstand, zwischen Generationen, politischen Lagern und nationalen Perspektiven, ist heute das Bemühen zu erkennen, an den Aufstand europäisch zu erinnern. Dabei tritt eine gegenwärtige Differenz zu Tage, nämlich die Erinnerung an das heldenhafte Opfer im Gegensatz zum unschuldigen Gewaltopfer. Zahlreiche polnische Stimmen beanspruchen einen Platz für die Helden Warschaus im Bewusstsein des europäischen Westens. Dort ist aber nur die gemeinsame Erinnerung an die zivilen Opfer von Massengewalt etabliert, wogegen das Gefallenengedenken im Bereich des Nationalstaates verbleibt. Eine Auflösung dieser Spannung ist bislang nicht absehbar.

weiterführende Literatur

Zu Abschnitt 1 (Die Konföderation von Warschau)

Alfons Brüning, Unio non est unitas. Polen-Litauens Weg im konfessionellen Zeitalter (1569–1648), Wiesbaden 2008.

Karin Friedrich, Die Reformation in Polen-Litauen, in: Hans-Jürgen Bömelburg (Hg.), Polen in der europäischen Geschichte, Bd. 2. Frühe Neuzeit, S. 123–143.

Michael G. Müller, Dissidentes de religione Christianae in Polen-Litauen: Vom Interim (1552) bis zur Warschauer Konföderation (1573), in: Heinz Schilling / Heribert Smolinsky (Hg.), Der Augsburger Religionsfrieden 1555, Gütersloh 2007, S. 377–388.

Christian Preuße, Die Warschauer Konföderation von 1573 und die Ausdifferenzierung von Politik und Religion im frühneuzeitlichen Europa, in: Themenportal Europäische Geschichte, Berlin 2011. URL: <http://www.europa.clio-online.de/2011/Article=505> (12.05.2016).

Janusz Tazbir, A State without Stakes. Polish Religious Toleration in the sixteenth and seventeenths Centuries, New York 1973 [polnische Erstausgabe Warschau 1967].

Zu Abschnitt 2 (Den Warschauer Aufstand erinnern)

Włodzimierz Borodziej, Der Warschauer Aufstand 1944, Frankfurt/M. 2004.

Adam Krzemiński, Der Kniefall, in: Étienne François / Hagen Schulze (Hg.), Deutsche Erinnerungsorte, Bd. 1, München 2001, S. 638–653.

Adam Krzemiński/Damien Thieriet, Warschauer Aufstand. Ruinen der Festung, in: Hans-Henning Hahn / Robert Traba (Hg.), Deutsch-Polnische Erinnerungsorte, Bd. 2: Geteilt/Gemeinsam, Paderborn 2014, S. 661–695.

Marcin Napiórkowski, Der Warschauer Aufstand im Ringen um europäische Identität, in: Gregor Feindt u.a. (Hg.), Europäische Erinnerung als verflochtene Erinnerung. Vielstimmige und vielschichtige Vergangenheitsdeutungen jenseits der Nation, Göttingen 2014, S. 179–204.

Florian Peters, Der Warschauer Aufstand in Videoclip-Ästhetik . Der polnische Blockbuster „Warschau ’44“ läuft im ZDF – und kaum jemand schaut hin, in: Zeitgeschichte-online, August 2015. URL: <http://www.zeitgeschichte-online.de/film/der-warschauer-aufstand-videoclip-aesthetik> (12.05.2016).

Einzelnachweise

  1. Die Warschauer Konföderation 1573, in: Themenportal Europäische Geschichte, Berlin 2011. URL: http://www.europa.clio-online.de/2011/Article=506 (12.08.2016), S. 2.

Zitierempfehlung

Gregor Feindt, Warschau / Warszawa, in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2016. URL: http://www.ieg-differences.eu/ortstermine/gregor-feindt-warschau, URN: urn:nbn:de:0159-20161020465.

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Abbildungsnachweis

Bild Warschauer Konföderation: Wikimedia Commons – gemeinfrei
Bild Wandbild: Mateusz Opasiński. Lizenz: CC BY-SA 3.0.