St. Petersburg / Sankt-Peterburg

Abbildung der neuen russischen Haupt-Residenz und See Statt St. Petersburg - Neue Abbildung von der Situation der Statt St. Petersburg, in: Matthaeus Seutter, Neue u. accurate Abbildung der von dem grossen Russ. Kaiser Petro Alexiewiz Ao. 1703 an dem Aussfl. dess Neva Stroms erbaueten Statt S. Petersburg samt d. umligend. Gegend (Augsburg ca. 1734).
Abbildung der neuen russischen Haupt-Residenz und See Statt St. Petersburg – Neue Abbildung von der Situation der Statt St. Petersburg, in: Matthaeus Seutter, Neue u. accurate Abbildung der von dem grossen Russ. Kaiser Petro Alexiewiz Ao. 1703 an dem Aussfl. dess Neva Stroms erbaueten Statt S. Petersburg samt d. umligend. Gegend (Augsburg ca. 1734).

von Gregor Feindt

Inhaltsverzeichnis

1 Eine Stadt an der Newa (Konstellationen)
2 „Ein Fenster nach Europa“? (Differenzen)
3 Russland und Europa (Bedeutungen)
4 Weiterführende Literatur
5 Einzelnachweise
6 Zitierempfehlung

Eine Stadt an der Newa (Konstellationen)

Als Zar Peter I. am 16. Mai 1703 auf der Haseninsel im Newa-Delta den Grundstein einer neuen Festung legen ließ, sprach dort wenig für eine Stadtgründung. Das Gebiet an der Mündung der Newa in die Ostsee war erst ein Jahr zuvor erobert worden und eignete sich mit seinem sumpfigen Boden und regelmäßigen Überschwemmungen nur schlecht zur Bebauung. Nur unter massiven finanziellen Aufwendungen und dem Einsatz zehntausender Leibeigener war es überhaupt möglich, diesen Ort zu befestigen.

In wenigen Jahren entwickelte sich das Militärlager aus Holz zu einer steinernen Stadt, in der ab 1712 der russische Hof residierte und die mit kurzer Unterbrechung bis 1918 Hauptstadt des Reichs blieb. St. Petersburg, wie die Stadt nach ihrem Gründer heißen sollte, wurde militärischer Vorposten, Handelshafen, Wissenschaftszentrum und vor allem auch Symbol der „Europäisierung“ Russlands.

„Ein Fenster nach Europa“? (Differenzen)

Nachdem der Bau von St. Petersburg in den ersten Jahren nur in Teilen geordnet war, plante der Schweizer Architekt Domenico Trezzini die Stadt ab 1715 auf dem Reißbrett. Ein geometrisches Netz von Kanälen bändigte die Seitenarme und Zuflüsse der Newa, sicherte aber vor allem die Entwässerung. Strenge Vorgaben bei der Gestaltung von Wohngebäuden für die unterschiedlichen Stände ließen die soziale Ordnung auch im Stadtbild sichtbar werden. In dieser Zeit wurde St. Peterburg als das ehrgeizigste Bauprojekt seiner Zeit zum Anlaufpunkt für Architekten und Stadtplaner aus ganz Europa.

Sowohl das Projekt der Stadt St. Petersburg selbst als auch der sie begleitende Mythos um Peter I. kreisten um eine Annäherung Russlands an Europa. Zum einen war die Residenzstadt Teil einer ambitionierten Reformpolitik, die zum Beispiel die Verwaltung nach schwedischem Vorbild rationalisierte. Zahlreiche Bauten in St. Peterburg griffen direkt westeuropäische Vorbilder auf und versuchten diese, wie die an Versailles angelehnte Sommerresidenz Peterhof, zu übertreffen.

Zum anderen griffen die petrinischen Reformen massiv in die Kultur und soziale Ordnung Russlands ein. So zwang der Zar, der sich 1721 zum Kaiser erhob und in seiner Herrschaftsrepräsentation an antike Vorbilder anknüpfte, zum Beispiel dem russischen Adel europäische Kleidung auf und verbot ihm die nach orthodoxer Tradition getragenen Bärte.

Über die äußeren Erscheinungsformen hinaus verlangte Peter von seiner Elite, dass sie sich persönlich das Wissen und die Fähigkeiten des westlichen Europas zu eigen machte und so zu Russlands Entwicklung beitrage. In den folgenden Jahrzehnten kamen daher nicht nur Experten, Wissenschaftler und Handwerker aus ganz Europa nach Russland, sondern zahlreiche junge russische Adelige reisten ihrerseits in den europäischen Westen. Dort eigneten sie sich ganz nach dem Vorbild von Peters Reise mit der Großen Gesandtschaft (1697/98) solche Kenntnisse vor Ort an.

Durch die vielfältige Abgrenzung vom alten Russland wurde St. Petersburg als „Fenster nach Europa“ (Francesco Algarotti, 1739)[1] zugleich Kristallisationspunkt einer langen Auseinandersetzung über die Rückständigkeit Russlands und damit einer russischer Selbstvergewisserung. In den Berichten westlicher Reisender am Ende des 18. Jahrhunderts erscheint die immer noch junge Stadt einerseits als Insel der Zivilisation inmitten von Wildnis, die es mit der Eleganz Londons oder Paris aufnehmen könne. Andererseits wurde sie zum Beispiel den Slawophilen des 19. Jahrhunderts zum symbolischen Gegensatz der alten Hauptstadt Moskau und damit zum Gegensatz des „heiligen“, also das orthodoxe Christentum bewahrenden, Russlands.

Wie groß die symbolische Bedeutung der Stadt war, lässt sich auch an ihren wiederholten Namensänderungen erkennen. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Petrograd umbenannt, sollte die Stadt russischer werden und den deutsch klingenden Namen ablegen. Nach den Revolutionen des Jahres 1917 und dem Tod des Revolutionsführers Vladimir I. Lenin benannte die sowjetische Regierung sie zu seinen Ehren 1924 in Leningrad um. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion stimmten wiederum ihre Bewohner durchaus überraschend für ihren alten Namen St. Petersburg. War auch zu Sowjetzeiten der Kurzname Piter gebräuchlich, sprechen ältere Petersburger freilich auch heute noch von Lenin, wenn sie ihre Stadt meinen.

Russland und Europa (Bedeutungen)

St. Petersburg steht als städtebauliches Monument und als Mythos einer „Stadt aus dem Nichts“ für verordnete Reformen und die Modernisierung Russlands. Diese projekthafte Europa In Russland stand über die Jahrhunderte für unterschiedliche Aspekte einer Annäherung an den Westen, für eine infrastrukturelle, kulturelle oder religiöse Modernisierung. In diesem Zusammenhang meinte die Frage nach Russland und Europa mehr als die bloßen Beziehungen des Landes zu anderen europäischen Mächten, sondern spiegelte die vielfältigen Selbstbeschreibungen von Russen und anderen Europäern und das Bild des jeweils anderen.

Während also die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Verflechtungen Russlands und Europas dauerhaft bestanden und sich seit der Gründung der Stadt St. Petersburg intensivierten, blieb die historisch, philosophisch und religiös argumentierte Vorstellung einer Differenz zwischen Russland und Europa bestehen. Eine solche Differenz konnte sowohl negativ als Rückständigkeit und Barbarei oder positiv als selbstbewusste Eigenständigkeit und Fortführung verlorener Traditionen verstanden werden. Das „Fenster nach Europa“ war und ist für diese unterschiedlichen Auseinandersetzungen ein Ort und Anlass, über die vermeintliche Europäisierung Russlands nachzudenken.

weiterführende Literatur

Martin Aust, Russland und Europa in der Epoche des Zarenreiches (1547–1917), in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz 2015-11-24. URL: http://www.ieg-ego.eu/austm-2015-de URN: urn:nbn:de:0159-2015110919 (2016-09-07).

Erich Donnert, Sankt Petersburg. Eine Kulturgeschichte, Köln 2002.

Jan Kusber, Kleine Geschichte St. Petersburgs, Regensburg 2009.

Karl Schlögel, Petersburg: Das Laboratorium der Moderne 1909–1921, München 2002.

Larry Wolff, Inventing Eastern Europe. The Map of Civilization on the Mind of the Enlightenment, Stanford 1994.

Einzelnachweise

  1. Zitiert nach Klaus Zernack, Polen und Russland. Zwei Wege in der europäischen Geschichte, Berlin 1994, S. 236.

Zitierempfehlung

Gregor Feindt, St. Petersburg / Sankt-Peterburg, in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2016. URL: http://www.ieg-differences.eu/ortstermine/gregor-feindt-st-petersburg, URN: urn:nbn:de:0159-20161020401.

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Abbildungsnachweis

Library of Congress Geography and Map Division Washington, D.C. 20540-4650 USA dcu, URL: https://lccn.loc.gov/2006625272, über Wikimedia Commons. Gemeinfrei.