Belfast

von Fabian Klose

1 Beginn der „Troubles“ und die Errichtung der „Peace lines“ (Konstellationen)
2 Der Nordirlandkonflikt und die innere gesellschaftliche Spaltung (Differenzen)
3 Der lange Weg zur Aussöhnung (Bedeutungen)
4 Weiterführende Literatur
5 Einzelnachweise
6 Zitierempfehlung

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Die „Friedenslinie“ an der Springmartin Road in West-Belfast.

Beginn der „Troubles“ und die Errichtung der „Peace lines“ (Konstellationen)

Im Verlauf des Jahres 1969 eskalierten in Nordirland die innenpolitischen Spannungen, die zwischen den protestantischen und den katholischen Bevölkerungsteilen seit Jahrzehnten angewachsen waren, zu offener Gewalt. Im August kam es in verschiedenen Städten zu mehrtägigen bürgerkriegsähnlichen Unruhen. In Belfast lieferten sich die verfeindeten konfessionellen Gruppen regelrechte Straßenschlachten, in denen Wohngebiete angegriffen und ganze Straßenzüge niedergebrannt wurden. Neun Menschen kamen zu Tode, über 700 Zivilisten und Polizisten wurden verletzt und allein in Belfast fast 400 Häuser durch Brandanschläge beschädigt.

Nordirland war ein integraler Bestandteil des Vereinigten Königreichs. Als sich die Situation zuspitzte, rief der nordirische Premierminister die Zentralregierung in London zur Hilfe, die Einheiten der britischen Armee entsandte. Diese sollten die Konfliktparteien trennen und die Situation wieder unter Kontrolle bringen. Nach ihrer Ankunft begannen die britischen Soldaten die Stadtviertel der sich bekämpfenden Einwohner, zunächst an dem Brennpunkt zwischen der katholischen Falls Road und der protestantischen Shankill Road, mit Stacheldrahtzäunen und Kontrollposten abzugrenzen. Auf diese Weise sollten weitere gegenseitige Angriff zwischen Protestanten und Katholiken verhindert werden. General Sir Ian Freeland, der Oberkommandierende der britischen Truppen, bezeichnete diese sogenannte Friedenslinie als eine „very, very temporary affair“ und bekräftigte dies mit den Worten: „We will not have a Berlin Wall or anything like that in this city.“[1]

Im weiteren Verlauf des fast dreißigjährigen Nordirlandkonflikts, der häufig mit dem Begriff „the Troubles“ umschrieben wird, ersetzte man die Provisorien allerdings durch permanente Barrieren. Bis zu acht Meter hohe Mauern aus Beton und Stahl, obenauf mit Sperrzäunen verstärkt, liefen nun in mehreren Abschnitten in einer Gesamtlänge von über 34 Kilometer durch Vorgärten und Straßenzüge. Diese sogenannten „Peace lines“ oder „Peace walls“ prägten und prägen das Stadtbild Belfasts, ähnlich wie in anderen nordirischen Städten wie Derry/Londonderry, Portadown und Lurgan.[2] Sie wurden zum sichtbaren Ausdruck der durch den Bürgerkrieg gespaltenen Bevölkerung Nordirlands.

Der Nordirlandkonflikt und die innere gesellschaftliche Spaltung (Differenzen)

Die historischen Wurzeln des nordirischen Konflikts reichen bis in die Zeit der konfessionellen Auseinandersetzungen des 17. Jahrhunderts zurück, als Katholiken und Protestanten um die Vorherrschaft in Europa kämpften. Obwohl die konfessionelle Zugehörigkeit auch die Konfliktlinien im 20. Jahrhundert markierten, handelte es sich dabei nicht um einen primär religiös motivierten Konflikt. Die schweren Auseinandersetzungen entzündeten sich vielmehr an grundsätzlichen Fragen über eine gleichberechtigte gesellschaftliche Stellung der katholischen Bevölkerung. Nach dem erbittert geführten Unabhängigkeitskrieg von 1919 bis 1921 war Irland im Anglo-Irischen Vertrag geteilt worden: Der Großteil der katholisch geprägten Insel sagte sich als unabhängiger Irischer Freistaat von London los, während die sechs nordöstlichen Grafschaften mit ihrer protestantischen Bevölkerungsmehrheit in der Union mit Großbritannien verblieben.

Die nordirische Gesellschaft war von der dominierenden Stellung der Protestanten geprägt, so dass Katholiken in allen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereichen benachteiligt waren. Gegen diese Diskriminierung formierte sich in den 1960er-Jahren, inspiriert vom US-amerikanischen Vorbild, eine nordirische Bürgerrechtsbewegung, welche grundlegende innenpolitische Reformen einforderte und ihren Protest unter anderem in organsierten Bürgerrechtsmärschen zum Ausdruck brachte.

Auf protestantischer Seite sahen radikale Kräfte durch die Bürgerrechtsbewegung ihre eigene Vorherrschaftsposition gefährdet und reagierten mit offener Gewalt, was unter anderem zu den schweren Zusammenstößen vom August 1969 führte. Die Gewaltspirale drehte sich weiter, als sich auf katholischer Seite die paramilitärische Provisional Irish Republican Army (PIRA) neu formierte und zum bewaffneten Kampf überging. Die Folge war ein Bürgerkrieg mit zahlreichen Morden und Bombenanschlägen. Darin kämpfte die protestantisch-loyalistische Seite mit massiver Unterstützung der britischen Armee für einen Verbleib Nordirlands im Vereinigten Königreich Großbritannien und Nordirland, während die katholisch-republikanische Seite für ein vereinigtes Irland eintrat.

Erst zu Beginn der 1990er-Jahre zeichnete sich eine dauerhafte politische Lösung des Konflikts ab. Im „Karfreitags-Abkommen“[3] von 1998 einigten sich die Konfliktparteien auf ein Ende des Bürgerkriegs sowie die Entwaffnung der paramilitärischen Organisationen und machten so den Weg für eine gemeinsame politische Gestaltung der Zukunft Nordirlands frei. Im Zeitraum von 1969 bis 1998 wurden über 3.600 Personen im Zuge der „Troubles“ getötet.

Der lange Weg zur Aussöhnung (Bedeutungen)

Das „Karfreitags-Abkommen“ von 1998 war eine entscheidende Zäsur für den Beginn eines Friedensprozesses in Nordirland. Allerdings wurde die tiefe Spaltung innerhalb der nordirischen Gesellschaft damit nicht überwunden. Dies machte sich schon daran bemerkbar, dass die sogenannten Friedenslinien in Belfast auch nach dem Zustandekommen der Vereinbarung nicht abgebaut, sondern sogar erweitert wurden. Auf beiden Seiten argumentierte eine Mehrheit der betroffenen Bewohner mit einem weiter bestehenden akuten Sicherheitsbedürfnis und der Schutzfunktion der errichteten Mauern. Konfliktforscher wiesen dabei allerdings auf den ambivalenten Charakter der „Peace lines“ hin, die zwar einerseits Schutz suggerierten und in der Praxis auch boten, aber andererseits die Segregation der Bevölkerung, die es eigentlich zu überwinden galt, weiterhin zementierte. Gerade die räumliche Trennung und die dadurch verhinderte Interaktion zwischen den konfessionellen Gruppen wird zu Recht als einer der größten Hindernisse für deren Aussöhnung gesehen.

Belfast steht daher auch heute noch, ähnlich wie Nikosia auf Zypern, für eine durch Mauern getrennte Hauptstadt mitten in Europa, in der die durch einen langjährigen Bürgerkrieg aufgerissen gesellschaftlichen Gräben noch nicht überwunden sind und der Weg zur Aussöhnung weit scheint. Das offizielle Ziel, alle „Peace lines“ bis im Jahr 2023 sukzessive abzubauen, wird daher von zeitgenössischen Beobachtern mit Skepsis betrachtet.

weiterführende Literatur

Tim Pat Coogan, The Troubles. Ireland’s Ordeal 1966–1996 and the Search for Peace, New York 2002.

Thorsten Gromes, Bernhard Moltmann, Bruno Schoch, Die Überwindung der Gewalt. Demokratisierung von außen in Nachbürgerkriegsgesellschaften, Schwalbach 2016.

Johannes Kandel, Der Nordirland-Konflikt. Von seinen historischen Wurzeln bis zur Gegenwart, Bonn 2005.

Frank Otto, Der Nordirlandkonflikt. Ursprung, Verlauf, Perspektiven, München 2014.

Emily Ravenscroft, The Meaning of the Peacelines of Belfast, in: Peace Review: A Journal of Social Justice 21 (2009) 2, S. 213–221

Einzelnachweise

  1. Aussage General Sir Ian Freelands, 10. September 1969, zitiert in: Emily Ravenscroft, The Meaning of the Peacelines of Belfast, in: Peace Review: A Journal of Social Justice 21 (2009) 2, S. 213–221, hier S. 213.
  2. Vgl. http://www.peacewall-archive.net (Zugriff am 03.03.2017).
  3. Vgl. http://cain.ulst.ac.uk/events/peace/docs/agreement.htm (Zugriff am 03.03.2017).

Zitierempfehlung

Fabian Klose, Belfast, in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2017. URL: http://ieg-differences.eu/ortstermine/fabian-klose-belfast, URN: urn:nbn:de:0159-2017121111.

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