Alexandria / al-Iskandariyya

Café Elite in Alexandria
Café Elite in Alexandria

von Esther Möller

Inhaltsverzeichnis

1 Alexandria im Fokus der Europäer (Konstellationen)
2 Eine kosmopolitische Stadt? (Differenzen)
3 Der Umgang mit dem multikulturellen Erbe (Bedeutungen)
4 Weiterführende Literatur
5 Zitierempfehlung

 

 

 

Alexandria im Fokus der Europäer (Konstellationen)

Wer war Ägypter, wer war Europäer? Diese Frage hatte im Alexandria des 19. und 20. Jahrhunderts eine große Relevanz – und die Bewohnerinnen und Bewohner fanden ihre eigenen Antworten, wobei die Selbstbezeichnung als Kosmopoliten eine tragende Rolle spielte.

Alexandria war über Jahrhunderte geprägt von einer engen Austauschbeziehung mit Europa, die schon in der Antike mit dem transmediterranen Handel begann und mit der Zugehörigkeit zum Römischen Reich verfestigt wurde. Die historischen Ereignisse der Neuzeit in Ägypten, im Mittelmeerraum und in Europa hatten großen Einfluss auf die Entwicklung auf die Stadt. Sie wuchs von einer Kleinstadt mit 13.000 Einwohnern um 1820 zu einer Metropole von 600.000 Einwohnern ein Jahrhundert später. Nach dem Ägypten-Feldzug Napoleons (1798) zeigten europäische Staaten, insbesondere Großbritannien und Frankreich, großes Interesse an dem Staat am Nil. Gleichzeitig konnte sich Muhammad Ali (reg. 1805–1848) nach internen Machtkämpfen als Khedive (Vizekönig) von Ägypten und dem Sudan etablieren.

Alexandria entwickelte sich zu einer bedeutenden Hafen- und Handelsstadt. Dies zog viele Migranten aus dem Mittelmeerraum an, die aufgrund von Krieg, politischer Verfolgung oder der schwierigen wirtschaftlichen Lage ihre Heimat in europäischen Ländern und anderen Provinzen des Osmanischen Reiches verließen: Vor allem jüdische und christliche Händler aus Italien, Syrien und Griechenland kamen im Laufe des 19. Jahrhunderts nach Alexandria.

Gleichzeitig förderte die wirtschaftliche Abhängigkeit Ägyptens von den europäischen Großmächten die Macht der europäischen Konsuln in Alexandria, die diese nutzten, um ihren Einfluss unter den verschiedenen Gemeinschaften der Stadt zu festigen. Diese Privilegien, Kapitulationen genannt, erloschen erst mit der Konferenz von Montreux 1937. Alexandria erlebte 1882 die britische Besatzung Ägyptens, die das Land am Nil bis 1922 – als Großbritannien unilateral die Unabhängigkeit des Landes erklärte – beziehungsweise bis 1956 – als die britischen Truppen aus der Suezkanalregion abgezogen wurden – unter Fremdherrschaft brachte. Die lokalen Händlereliten (Notablen) in Alexandria wurden in ihren Rechten eingeschränkt, konnten davon aber auch profitieren.

Eine kosmopolitische Stadt? (Differenzen)

Die vielen verschiedenen Einzelpersonen und Gruppen in Alexandria hatten unterschiedliche Antworten auf die Frage, wer zu Ägypten oder zu Europa gehört bzw. dazu gehören will, und unterschieden dabei zwischen rechtlicher und kultureller Zugehörigkeit. In der Tat gab es auch Personen mit einer europäischen Staatsangehörigkeit, die sich gleichwohl als Alexandriner oder Ägypter fühlten. Ebenso gab es Familien levantinischen Ursprungs, die in zweiter oder dritter Generation in Alexandria lebten, aber von sich als Europäern sprachen („nous les Européens“). Bis Ende der 1920er-Jahre war zudem nicht rechtlich definiert, welcher Nationalität man angehörte, weil es noch keine ägyptische Staatsangehörigkeit gab und man auch unter britischer, französischer oder italienischer Protektion bzw. Jurisdiktion geführt werden konnte. Die Einführung der ägyptischen Staatsangehörigkeit durch die Staatsgründung 1922 führte faktisch zum Anstieg der Ägypter in Alexandria, aber es gab auch Bürger, die sich gegen eine „Einbürgerung“ weigerten. Dazu gehörten vor allem europäische Familien.

Neben der ägyptischen und verschiedenen europäischen Zugehörigkeiten fühlten sich viele Bewohnerinnen und Bewohner Alexandrias speziell der Stadt zugehörig. Viele Memoiren betonen die Idee eines (vergangenen) „kosmopolitischen Alexandrias“, Historikerinnen und Historiker sprechen aber eher von „ephemerem [vorübergehenden] Kosmopolitismus“, weil die faktische Zahl der nicht in Ägypten geborenen Bewohner Alexandrias immer in der Minderheit blieb. So waren 1927 von ca. 570.000 Einwohnern ca. 470.000 Ägypter, die in Ägypten geboren worden waren, aber auch fast die Hälfte der „Ausländer“ in Alexandria waren in Ägypten geboren worden. Außerdem wurde die arabischsprachige Bevölkerung von diesem Kosmopolitismus oft ausgeschlossen.

Die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft war in Alexandria entscheidend, aber diese konnte eine religiöse (im Sinne von „community“) oder nationale (im Sinne von „colony“) Gemeinschaft bedeuten, und die historischen Akteure begriffen die Grenzen als fließend und vermischten sie häufig. In der Tat spielten, so einige Historikerinnen und Historiker, religiöse und nationale Differenzen eine viel geringere Rolle als die wirtschaftlichen Unterschiede: Welchen Reichtum jemand besaß, entschied über die Wohnlage, die Schulen und die Kreise, in denen man verkehrte. Deshalb gab es gemischte Wohnviertel und Kontakte über religiöse und nationale Unterschiede hinweg. Distinktion und ein Streben nach Distinktion wurden vor allem über die wirtschaftliche Situation definiert.

Der Umgang mit dem multikulturellen Erbe (Bedeutungen)

Die stärkere Nationalisierung im Laufe des 20. Jahrhunderts veränderte die faktische Zusammensetzung der Bevölkerung in Alexandria. Nach der Suezkrise von 1956 – Großbritannien, Frankreich und Israel waren militärisch gegen die Verstaatlichung der Suezkanal-Gesellschaft durch Ägyptens Präsident Nasser vorgegangen – kam es zu einer massiven Ausweisung bzw. Ausreise britischer und jüdischer, aber auch griechischer und italienischer Bürger. Vor allem Juden ohne ägyptische Nationalität wurden ausgewiesen. Dies hatte Rückwirkungen auf die Wahrnehmung Alexandrias in Europa: Die Stadt wurde zu einem Sehnsuchtsort, und Kosmopolitismus war nun eher eine programmatische Rückbesinnung als eine proklamierte Realität.

Diesen ambivalenten Rückbezug veranschaulicht beispielsweise die Außenansicht des Cafés „Elite“, das Anfang des 20. Jahrhunderts von einer griechischen Familie in Alexandria gegründet worden und dann Jahrzehnte lang von „Madame Christina“ als Treffpunkt von Künstlern und Intellektuellen geführt worden war. Der Name ist zwar zweisprachig außen angebracht, aber der arabische Schriftzug ist nur eine Umschrift des französischen Wortes, zudem zeigt sich in dem Namen der exklusive Charakter, der auch Teil des kosmopolitischen Alexandrias war.

weiterführende Literatur

Anthony Hirst / Michael Silk (Hg.), Alexandria. Real and imagined, London 2004.

Robert Ilbert / Ilios Yannakakis (Hg.), Alexandrie 1860–1960. Un modèle éphémère de convivialité: Communautés et identité cosmpolite, Paris 1992.

Ilham Khuri-Makdisi, The Eastern Mediterranean and the Making of Global Radicalism, 1860–1914, Berkeley 2010.

Dario Miccoli, Moving Histories. The Jews and Modernity in Alexandria, 1880s–1920s, in: Quest. Issues in Contemporary Jewish History 2/2011, S. 149–171. URL: http://www.quest-cdecjournal.it/focus.php?id=223 (21.06.2016).

Jörn Thielmann, Alexandria (Modern Period), in: Marc Gaborieau u.a. (Hg.), Encyclopedia of Islam, Leiden 2011, fasc. 4, S. 36b–40a.

Zitierempfehlung

Esther Möller, Alexandria / al-Iskandariyya, in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2016. URL: http://www.ieg-differences.eu/ortstermine/esther-moeller-alexandria, URN: urn:nbn:de:0159-2016102019.

Dieser Text ist lizensiert unter: CC by-nc-nd 4.0 international – Namensnennung, keine kommerzielle Nutzung, keine Bearbeitung.

Abbildungsnachweis

Mohamed Awad / Sahar Hamouda (Hg.), Voices from Cosmopolitan Alexandria, Bd. 1, Alexandria 2012, S. 74 (Bibliotheca Alexandrina). URL: https://www.bibalex.org/Attachments/Publications/Files/2013032016331232778_VOICESFROMCOSMOPOLITANALEXANDRIA.pdf (18.08.2016).