Plymouth

Mayflower Compact Bradford
Mayflower Compact Bradford

von Christopher Voigt-Goy

Inhaltsverzeichnis

1 Suche nach einer besseren Zukunft (Konstellationen)
2 Verfolgung und der „Bund“ Gottes (Differenzen)
3 Religiöser Gesellschaftsvertrag und Gleichheit (Bedeutungen)
4 Weiterführende Literatur
5 Einzelnachweise
6 Zitierempfehlung

Suche nach einer besseren Zukunft (Konstellationen)

Am Donnerstag den 9. November 1620 erscholl der Ruf, auf den die Passagiere des Schiffs „Mayflower“ sehnlichst gewartet hatten: „Land in Sicht!“. Nach 65 Tagen stürmischer Überfahrt über den Atlantik neigte sich eine Reise dem Ende zu, die bereits voller Hindernisse begonnen hatte: Schon kurz nach dem ersten Aufbruch aus dem englischen Southampton war eines der beiden Schiffe Leck geschlagen und musste in den Hafen von Plymouth gebracht werden. Erheblich später als geplant, am 6. September 1620, konnte von hier aus mit der verbliebenen „Mayflower“ die Meeresüberquerung in Angriff genommen werden.

An Bord befanden sich 102 Passagiere, die sich in Nordamerika eine bessere Zukunft erhofften. Ein Teil der Passagiere – etwas mehr als die Hälfte – nannte sich selbst „Saints“ („Heilige“). Sie waren strenge Protestanten, die sich von der englischen Kirche getrennt und eigenständige Gemeinden gebildet hatten. Als Separatisten verfolgt und unterdrückt, waren die „Saints“ zunächst in die Niederlande geflohen. Dort hatten sie sich entschlossen, in der „Neuen Welt“ ihre Vorstellung von einem gemeinsamen Glaubensleben zu verwirklichen. Den anderen Teil der Passagiere bezeichneten die „Saints“ als „Strangers“ („Fremde“): Es waren Familien, Angehörige der englischen Kirche, die in der Hoffnung auf ein Leben in Wohlstand ihre Heimat verließen.

Die verschiedenen Absichten für die Reise und die unterschiedlichen religiösen Überzeugungen führten zum einen zu Spannungen zwischen den beiden Gruppen. Zum anderen waren sie in der ihnen unvertrauten Umgebung im Alltag immer wieder aufeinander angewiesen. Bevor sie am 11. November das erste Mal das neue Land betraten, unterzeichneten sie dementsprechend den „Mayflower-Compact“. Dieser Vertrag wurde als ein Bund vor Gott geschlossen. Er zielte auf den gemeinsamen Aufbau einer „bürgerlichen, politischen Körperschaft“ im Dienst des englischen Königs Jakob I. (1566–1625) und legte fest, dass Alle vor dem Gesetz gleich behandelt werden.[1]

Am 23. Dezember gründeten die Mayflower-Passagiere schließlich eine Siedlung mit dem Namen „New Plymouth„. Von ihr ging eine der ersten englischen Kolonien in Nordamerika, die „Plymouth Bay Colony“, aus.

Verfolgung und der „Bund“ Gottes (Differenzen)

Die „Saints“ der „Mayflower“ – die auch als „Pilgrim Fathers“ („Pilgerväter“) bezeichnet werden – markierten den Beginn eines beachtlichen Stroms von englischen Siedlern, die im 17. Jahrhundert nach Nordamerika auswanderten. Hier strebten sie danach, ihren Glauben ohne Einschränkungen praktizieren zu können. Die Auswanderungswelle reagierte auf die Entwicklung der englischen Kirche. Diese war mit der Einführung der Reformation durch Heinrich VIII. (1491–1547) zu einer protestantischen Staatskirche unter der Leitung des Königtums geworden. Kritik an ihr äußerten vor allem die „Puritaner“, die dem aus Genf stammenden Calvinismus anhingen. Für sie gab es in der englischen Kirche noch zu viele papstkirchliche Reste. Deshalb arbeiteten sie teilweise innerhalb der Kirche auf deren Beseitigung hin. Teilweise trennten sie sich von der Kirche, um in eigenen Gemeinschaften zu leben. Dennoch blieben sie dem Königtum weiterhin ergeben. Weil aber für die Krone die religiöse Loyalität zur Kirche und die politische Loyalität zum Königtum fest miteinander verbunden waren, wurden puritanische Separatisten gezielt verfolgt. Indem diese nach Nordamerika auswanderten, konnten sie weiterhin loyale Engländer sein, ohne der Staatskirche treu sein zu müssen.

Das Streben der Puritaner nach Verwirklichung ihrer Glaubensvorstellungen bedeutete nicht, dass sie für eine allgemeine Religionsfreiheit und Toleranz eintraten. Sie sahen sich von Gott in besonderer Weise auserwählt, um als sichtbare „Heilige“ ein wahres christliches Leben mit strenger Disziplin und hoher Moral zu führen. Die Grundlage ihrer Gemeinden war ihr „Bundesschluss“, mit dem sie untereinander den Bund bekräftigten, den Gott mit ihnen als mit seinen Auserwählten geschlossen habe. Als Angehörige des Gottesbundes waren alle Mitglieder der Gemeinden gleich. Die Führung der Gemeinden lag allerdings allein bei ihren männlichen Mitgliedern, welche die Gemeindeleiter und Pfarrer wählten. Menschen, die ihrem „Bund“ nicht beitraten und andere Vorstellungen des christlichen Lebens verfolgten, straften die „Saints“ mit Verachtung.

Religiöser Gesellschaftsvertrag und Gleichheit (Bedeutungen)

Der „Mayflower-Compact“ nahm diese puritanische Überzeugung auf: Der Bund vor und mit Gott war die religiöse Grundbedingung für das Zusammenleben der Siedler. Jedoch übertrug der Vertrag die Vorstellung religiöser Gleichheit auf das politische Zusammenleben: Die Mayflower-Passagiere wählten die Vertreter und Anführer ihrer Siedlung und Kolonie. Zugleich weichte der „Mayflower-Compact“ den intoleranten Kern der puritanischen Vorstellung vom Gottesbund auf, denn er erstreckte sich auch auf die Mitglieder der bürgerlichen Gemeinde, die nicht allen religiösen Anforderungen der „Saints“ entsprachen.

Das war angesichts der Situation, in der sich die Siedler befanden, zunächst durchaus eine pragmatische Entscheidung. Gleichwohl gab der grundsätzlich religiöse, bzw. genauer gesagt: christliche Gesellschaftsvertrag damit der Vorstellung bürgerlicher Gleichheit und demokratischer Selbstverwaltung besondere Kraft. Hinzu kam, dass der „Mayflower-Compact“ schriftlich niedergelegt worden war. Das trug zu seiner Verbreitung bei. Er wurde zum Vorbild für die verschiedenen Verträge, die in anderen Siedlungen und Kolonien von den nachkommenden Siedlern in der Gegend Neuenglands geschlossen wurden. Nicht alle fielen so aus, wie der zwischen den Passagieren der „Mayflower“: In der „Massachusetts Bay Colony“ etwa trat 1628 ein strenges Regiment der „Saints“ in Kraft. Andersdenkende und -glaubende wurden ausgewiesen. Einer von ihnen, Roger Williams (1603–1683), gründete daraufhin die Siedlung „Providence“ („Vorsehung“) in Rhode Island, wo er die allgemeine Religionsfreiheit einführte. Der „Mayflower-Compact“ wird deshalb zu den Grundlagen der Vorstellung von „Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück“ gezählt, welche die „Vereinigten Staaten von Amerika“ 1776 in ihrer Unabhängigkeitserklärung an den Anfang stellte[2], und die bis heute das amerikanische Selbstverständnis prägt.

An dem Ort, an dem sie „New Plymouth“ errichteten, fanden die Siedler übrigens viele menschliche Knochen. Die Forschung geht heute davon aus, dass sich dort bis kurz vor der Ankunft der „Mayflower“ eine große Siedlung amerikanischer Ureinwohner befunden hatte, die einer Seuche zum Opfer gefallen waren. Man vermutet, dass es sich dabei um die Beulenpest handelte, die englische, niederländische und spanische Händler nach Amerika eingeschleppt hatten.

weiterführende Literatur

Perry Miller, The New England Mind, 2 Bde., Cambridge, MA 1939 / 1953.

Edmund S. Morgan, Visible Saints. The History of a Puritan Idea, Ithaca 1965.

Mark A. Noll, Das Christentum in Nordamerika, Leipzig 2000.

Nathaniel Philbrick, Mayflower: A Story of Courage, Community and War, London 2007.

Einzelnachweise

Zitierempfehlung

Christopher Voigt-Goy, Plymouth, in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2016. URL: http://www.ieg-differences.eu/ortstermine/christopher-voigt-goy-plymouth, URN: urn:nbn:de:0159-20161020341.

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Abbildungsnachweis

Wikimedia Commons – gemeinfrei