Augsburg

Hyllningsgravyr med anledning av Gustaf II Adolfs befriarens intåg i Augsburg 1632, Nordisk familjebok
Hyllningsgravyr med anledning av Gustaf II Adolfs befriarens intåg i Augsburg 1632, Nordisk familjebok

von Christopher Voigt-Goy

Inhaltsverzeichnis

1 Krieg und konfessionelle Grenzen (Konstellationen)
2 Konfessionen und Parität (Differenzen)
3 Trennende und gemeinsame Erinnerung: das Friedensfest (Bedeutungen)
4 Weiterführende Literatur
5 Einzelnachweise
6 Zitierempfehlung

 

 

Krieg und konfessionelle Grenzen (Konstellationen)

Inmitten des Dreißigjährigen Krieges wurde das gemischtkonfessionelle Augsburg 1632 von Truppen unter der Anführung des schwedischen Königs Gustav Adolf (1594–1632) besetzt. Der lutherische Großteil der Stadtbevölkerung sah das als eine „Befreiung“ an. Zwischen 1629 und 1632 hatten die Lutheraner unter der katholischen Herrschaft gelitten, die durch Kaiser Ferdinand II. (1578–1637) eingeführt worden war: Das kaiserliche „Restitutionsedikt“ vom 6. März 1629[1] hatte in Augsburg das Verbot des evangelischen Gottesdiensts zur Folge gehabt, die lutherischen Prediger waren ausgewiesen und Kirchen zerstört worden. Nun wendete sich das Blatt. Der „Befreier“ wurde begeistert verehrt. In den folgenden vier Jahren waren „Gustav“, „Adolf“ oder gleich „Gustav Adolf“ bei lutherisch getauften Kindern Modenamen.[2]

Doch 1635 war auch diese Episode vorbei. Wieder besetzten katholische Truppen die Stadt und stellten sich auf die Seite der katholischen Stadtbewohner, welche unter den schwedischen Truppen nicht weniger zu leiden gehabt hatten als ihre lutherischen Mitbürger in den Jahren zuvor.

Durch den in Münster und Osnabrück geschlossenen Westfälischen Frieden wurde Augsburg 1648 eine „paritätische“ Stadt (von lat. paritas: „Gleichheit“): Alle politischen Ämter wurden gleichgewichtig mit lutherischen und katholischen Personen besetzt. So konnte weder der lutherische noch der katholische Teil der Stadtbewohner den anderen politisch unterdrücken, gleich wer die Mehrheit der Stadtbevölkerung stellte. Freundlicher wurde das Klima dadurch allerdings nicht. Augsburg wurde zu einer Stadt, die noch lange Zeit durch eine „unsichtbare Grenze“ (Étienne François) geteilt war.

Konfessionen und Parität (Differenzen)

Die Augsburger Paritätsregelung von 1648 setzte historisch und rechtlich die Existenz von klar voneinander abgrenzbaren christlichen Glaubensrichtungen voraus. Diese Konfessionen waren durch die Reformation entstanden, in deren Folge sich verschiedene Reformationsbewegungen von der Papstkirche ablösten und eigene Kirchen aufbauten. Für die neuen Kirchen war die Formulierung eines gemeinsamen Bekenntnisses (lat. confessio) wichtig, in dem sie ihre religiösen und theologischen Grundüberzeugungen und Ordnungsvorstellungen niederlegten. An keinem anderen Ort als in Augsburg war 1530 ein solches Bekenntnis, das sog. Augsburger Bekenntnis (lat. Confessio Augustana) formuliert worden. Es wurde nicht nur zum wichtigsten Bekenntnis der Lutheraner, also der Anhänger des in Wittenberg lehrenden Martin Luther. Darüber hinaus diente das Augsburger Bekenntnis – anders als die reformierten Bekenntnisse, welche in Zürich und Genf entstanden waren – im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation als ein Rechtsdokument.

Nach den ersten militärischen Auseinandersetzungen zwischen reformatorisch gesinnten Fürsten und dem katholischen Kaiser wurde im Jahr 1555 – wiederum in der Stadt am Lech – der Augsburger Religionsfrieden verkündet. Er regelte das Zusammenleben zwischen den Anhängern „Unserer alten Religion“, also der katholischen, und den Anhängern „der Augsburgischen Konfession verwandten Religion“. Grundsätzlich galt dabei, dass über die „Religion“ eines Gebietes der jeweilige Herrscher entschied und die Untertanen gehalten waren, diese anzunehmen (ius reformandi). Untertanen, die das nicht wollten, durften nach angemessener Entschädigung für ihr zurückbleibendes Hab und Gut auswandern (ius emigrandi). Für die Reichsstädte, in denen die Reformation wie in Augsburg Fuß gefasst hatte, sah der Augsburger Religionsfrieden im § 27 sogar vor, dass „jeder Theil den andern laut dieses Friedens bey solcher seiner Religion, Glauben, Kirchengebräuchen, Ordnungen und Ceremonien […] ruhiglich und friedlich bleiben lassen“ soll.[3] Damit wurde in diesen Reichsstädten die Religion der „Augsburger Konfessionsverwandten“ der katholischen gleichgestellt.

Der Augsburger Religionsfrieden war nicht auf Toleranz oder allgemeine Religionsfreiheit ausgerichtet. Er schloss nämlich alle anderen religiösen Gruppen ausdrücklich von den Friedensregelungen aus. Das war vor allem für die Anhänger der reformierten Bekenntnisse bedrohlich. Deshalb nahmen sie für sich in Anspruch, ebenfalls „Augsburger Konfessionverwandte“ zu sein, wofür sie sich auf eine spätere Ausgabe und Variante des Augsburger Bekenntnisses beriefen. Zwischen ihnen und den Lutheranern kam es deshalb zu einem lang anhaltenden Streit, der erst mit dem Westfälischen Frieden beendet wurde: Er rechnete im Art. VII die Reformierten ausdrücklich zu den Augsburger Konfessionsverwandten.[4]

Schwerwiegender war allerdings ein anderes Problem. Der Augsburger Religionsfrieden stellte zwar die Konfessionen rechtlich gleich, enthielt aber keine Lösung dafür, wie sie rechtlich gleich behandelt werden sollen. Besonders in denjenigen Reichsstädten, in denen das Nebeneinander der Konfessionen wie in Augsburg ausdrücklich vorgesehen war, geriet ihr friedliches Miteinander immer wieder durch wechselnde Mehrheitsverhältnisse in der Stadt in Gefahr. Genau hier griff der Westfälische Frieden mit seiner Paritätsregelung im Art. V ein. Sie stellt daher eine frühe Form eines religiösen Minderheitenschutzes dar.

Trennende und gemeinsame Erinnerung: das Friedensfest (Bedeutungen)

Seit dem 8. August 1650 wird als städtischer – heutzutage gesetzlicher – Feiertag begangen, dass Augsburg durch den Westfälischen Frieden zu einer paritätischen Stadt geworden ist. Eingeführt und zunächts allein gefeiert haben diesen Feiertag die Augsburger Lutheraner. Sie haben ihn auf das Datum gelegt, an dem 1629 die lutherischen Prediger aus Augsburg vertrieben worden waren. Ab 1652 wurde es Brauch, den Augsburger Schülern zu diesem Anlass einen farbigen Einblattdruck zu schenken. Sie stellen meist Szenen aus der Bibel dar, die von einem Gedicht erläutert werden. Diese sog. „Friedensgemälde“[5] beinhalten aber auch provozierende Bemerkungen in Richtung der katholischen Kirche. Hier wird die „unsichtbare Grenze“ greifbar, die bis in das späte 18. Jahrhundert hinein Augsburgs Bürgerschaft prägte: Sie blieb eine in katholische und lutherische Teile gespaltene Gesellschaft. Erst seit 1984 feiert auch die katholische Kirche offiziell das „Hohe Friedensfest“ mit.

weiterführende Literatur

Johannes Burkhardt (Hg.), Das Friedensfest: Augsburg und die Entwicklung einer neuzeitlichen Toleranz-, Friedens- und Festkultur, Berlin 2000.

Étienne François, Die unsichtbare Grenze. Protestanten und Katholiken in Augsburg 1648–1806, Sigmaringen 1991.

Martin Heckel, Deutschland im konfessionellen Zeitalter, Göttingen 1983.

Bernd Roeck, Eine Stadt in Krieg und Frieden. Studien zur Geschichte der Reichsstadt Augsburg zwischen Kalenderstreit und Parität, 2 Bde., Göttingen 1989.

Bernd Roeck, Geschichte Augsburgs, München 2005.

Einzelnachweise

  1. Vgl. https://de.wikisource.org/wiki/Restitutionsedikt (29.04.2016).
  2. Bernd Roeck, Eine Stadt in Krieg und Frieden. Studien zur Geschichte der Reichsstadt Augsburg zwischen Kalenderstreit und Parität, 2 Bde., Göttingen 1989, S. 710.
  3. http://www.westfaelische-geschichte.de/que739 (29.04.2016).
  4. http://www.westfaelische-geschichte.de/que740 (29.04.2016).
  5. Vgl. https://media.bibliothek.uni-augsburg.de/?id=36812&dir=36812 (29.04.2016).

Zitierempfehlung

Christopher Voigt-Goy, Augsburg, in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2016. URL: http://www.ieg-differences.eu/ortstermine/christopher-voigt-goy-augsburg, URN: urn:nbn:de:0159-2016102040.

Dieser Text ist lizensiert unter: CC by-nc-nd 4.0 international (Namensnennung, keine kommerzielle Nutzung, keine Bearbeitung).

Abbildungsnachweis

Wikimedia Commons – gemeinfrei