Antwerpen

von Carsten Brall (wiss. Mitarbeiter am IEG 2009–2012)

Inhaltsverzeichnis

1 Eine Stadt im Aufbruch (Konstellationen)
2 Politische Spannungen und konfessionelle Vielfalt (Differenzen)
3 Konflikte, Konfessionsmigration und die Teilung der Niederlande (Bedeutungen)
4 Weiterführende Literatur
5 Zitierempfehlung

File:Antwerpen-Saliger vor Antwerpener Rat.jpg
Vor dem Rat der Stadt protestieren Theologen gegen die Ausweisung der Anhänger der Reformation aus Antwerpen (1567). Franz Hogenberg (1535–1590), Johannes Saliger vor dem Antwerpener Rat, Kupferstich o.J.

Eine Stadt im Aufbruch (Konstellationen)

Das Antwerpen des 16. Jahrhunderts ist das urbane Herz der habsburgischen Niederlande. An der Grenze zwischen Flandern und Brabant, am Beginn des Mündungstrichters der Schelde und damit im südlichen Winkel des Rhein-Maas-Schelde-Deltas gelegen, sind die Voraussetzungen für den Aufstieg der Stadt ideal. Als gegen Ende des 15. Jahrhunderts der Swin versandete, der die Dominanz Brügges gesichert hatte, begann Antwerpen den niederländischen Handel zu beherrschen. Dies ging mit einer Vormachtstellung im Nordseeraum insgesamt einher. Im Verlauf des 16. Jahrhunderts lebten zeitweise über 100.000 Einwohner in der Stadt und machten Antwerpen zur größten Stadt des Heiligen Römischen Reichs.

Zum Austausch der Waren trat die Begegnung unterschiedlicher Kulturen und Ideen hinzu. Schon früh predigten hier die Augustinermönche um Heinrich von Zütphen reformatorisch, was zu Hinrichtungen führte und Luther zur Abfassung seines ersten erhaltenen Chorals bewegte („Ein neues Lied heben wir an“). Die Habsburger unter Karl V. und Philipp II. bemühten sich, reformatorische Umtriebe einzuschränken. Die geographische Lage Antwerpens, die wirtschaftliche Prosperität und die eher zurückhaltende habsburgische Religionspolitik sorgten dafür, dass sich während des 16. Jahrhundert Anhänger verschiedener Konfessionen – wenn auch häufig im Geheimen – in der Stadt sammelten: Aus Frankreich geflohene Calvinisten, lutherische Händler aus dem Reich und zahlreiche weitere Migranten lebten in ihren Mauern.

Politische Spannungen und konfessionelle Vielfalt (Differenzen)

Der Konflikt zwischen Teilen der Niederlande und der spanischen Obrigkeit, aus dem sich später der Achtzigjährige Krieg entwickeln sollte, entzündete sich außerhalb der Stadt, hatte aber unmittelbar Folgen für Antwerpen. Die Situation eskalierte 1566, als niederländische Adlige die spanische Statthalterin Margarethe von Parma aufforderten, ihre ständischen Freiheiten wiederherzustellen sowie die Inquisition und die Verfolgung von Protestanten einzustellen. Angeblich bezeichnete sie diese Gruppe als „gueux“ (frz.: Bettler), woraus die Selbstbezeichnung der „Geusen“ für die niederländischen Freiheitskämpfer des Achtzigjährigen Krieges entstand.

In Antwerpen kam es zu „Heckenpredigten“: Vor den Toren der Stadt versammelten sich in unterschiedlichen Gruppen französischsprachiger Calvinisten, niederländischsprachiger Calvinisten und Anhänger der Confessio Augustana (CA) zu Gottesdiensten. Es blieb allerdings nicht bei dem vergleichsweise friedlichen „Auslaufen“. Die Bilderstürme im August 1566 verliefen in der Stadt mit ihren vielen Kunstschätzen besonders heftig. Zugleich brachte nicht zuletzt die Wucht der Bilderstürme die Streitparteien letztlich an den Verhandlungstisch: Der Friede in der Stadt sollte wiederhergestellt werden. Der Herbst 1566 war eine Zeit konfessioneller Vielfalt, die in Antwerpen offen sichtbar wurde. Protestantische Kirchen wurden eingerichtet, sowohl von den Calvinisten als auch von den Anhängern der CA. Zu dieser Zeit hielten sich in Antwerpen bedeutende Theologen auf, unter ihnen der strenge Lutheraner Matthias Flacius Illyricus. In rascher Folge publizierte er ein Bekenntnis, eine Agende (ein Buch für den Ablauf des Gottesdienstes) und weitere geistliche Literatur für die Gemeinde. Zeitgleich kam es unter den protestantischen Gruppen, aber auch zwischen ihnen und den römischen Katholiken zu Streitigkeiten um die rechte Lehre.

Um den Jahreswechsel 1566/1567 gingen die Spanier militärisch in die Offensive. Auch die Spannungen innerhalb der Stadt nahmen zu. Burggraf Wilhelm von Oranien bemühte sich um Einheit im protestantischen Lager. Bei der Mobilisierung der Truppen im Februar zeigte sich, dass die Calvinisten und die Kaiserlichen sich gegenüberstehen würden. Die Anhänger der CA hielten sich vorerst noch mit einer Parteinahme zurück. Diese Zurückhaltung ist nicht zuletzt theologisch zu erklären. In der Tradition der Wittenberger Theologie hatte der Gehorsam gegenüber der von Gott eingesetzten Obrigkeit einen hohen Stellenwert. Damit erklärt sich, warum die Anhänger der CA sich nicht auf die Seite der – ebenfalls reformatorischen – Aufständischen, sondern der aus ihrer Sicht legitimen Obrigkeit schlugen. Die Spanier dankten es ihnen nicht. Sämtliche Anhänger der Reformation wurden nach dem Sieg der Habsburger aus der Stadt verwiesen. Auch der Protest von Theologen der Gemeinde vor dem Rat der Stadt – hier dargestellt in einem Stich Franz Hogenbergs – konnte daran nichts ändern.

Konflikte, Konfessionsmigration und die Teilung der Niederlande (Bedeutungen)

Die Ereignisse in Antwerpen im sogenannten Wunderjahr 1566/67 hatten weitreichende Folgen. Zum einen wurde der Gegensatz zwischen den calvinischen Aufständischen und der römisch-katholischen Obrigkeit besonders deutlich, der die Entwicklung der Niederlande nachhaltig prägen sollte. Zum anderen trat hier eine Gruppe von niederländischen Anhängern der CA in Erscheinung, die sich bis in die Gegenwart verfolgen lässt.

Die Spuren Antwerpener Anhänger der CA sind besonders deutlich in Aachen, Köln und Frankfurt am Main wiederzufinden. Dort bildeten einige aus der Stadt ausgewiesene Migranten Tochtergemeinden, die sich bewusst auf ihre Antwerpener Wurzeln bezogen. Die Fremdengemeinden verschmolzen im Lauf der Zeit mit den Mehrheitsgemeinden der aufnehmenden Städte und hielten zugleich die Erinnerung an ihre Herkunft wach. Davon zeugt zum Beispiel die Niederländische Gemeinde Augsburger Confession in Frankfurt am Main, die als Nachfahrenverband bis heute existiert, und deren Siegel noch immer die Antwerpener Gemeinde namentlich erwähnt.

Antwerpen war ein wesentlicher Ausgangpunkt und blieb Austragungsort des spanisch-niederländischen Kriegs. Die „spanische Furie“, bei der am 4. November 1576 spanische Truppen in der Stadt mit äußerster Brutalität wüteten, konnte den Widerstand der Calvinisten nicht brechen. Wenig später gewannen die Protestanten wieder die Oberhand bis hin zur Gründung der Calvinistischen Republik Antwerpen (1577–1585). Während dieser Zeit blühte auch noch einmal eine Gemeinde von CA-Anhängern auf; allerdings dominierten die Calvinisten die Stadt politisch deutlich. Der Fall Antwerpens am 17. August 1585, herbeigeführt durch die Truppen Alexander Farneses, des Herzogs von Parma, und die folgende Sperrung der Schelde durch die sieben niederländischen Provinzen verdeutlichten, dass die Niederlande nun geteilt waren, und beendeten schließlich das goldene Jahrhundert Antwerpens.

weiterführende Literatur

Carsten Brall, Konfessionelle Theologie und Migration. Die Antwerpener Gemeinde Augsburger Konfession im 16. Jahrhundert, Göttingen 2017.

Genootschap voor Antwerpse Geschiedenis (Hg.), Antwerpen in de XVIe eeuw, Antwerpen 1975.

Guido Marnef, Antwerp in the age of Reformation. Underground Protestantism in a commercial metropolis, 1550–1577, Baltimore 1996.

Heinz Schilling, Niederländische Exulanten im 16. Jahrhundert. Ihre Stellung im Sozialgefüge und im religiösen Leben deutscher und englischer Städte, Gütersloh 1972.

Alexander Schunka, Lutherische Konfessionsmigration, in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz 2012-05-14. URL: http://www.ieg-ego.eu/schunkaa-2012-de, URN: urn:nbn:de:0159-2012051419.

Zitierempfehlung

Carsten Brall, Antwerpen, in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2016. URL: http://www.ieg-differences.eu/ortstermine/carsten-brall-antwerpen, URN: urn:nbn:de:0159-2018121718.

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