Maribor

Drev, Denkmal für Anton Martin Slomšek gegenüber der Domkirche St. Johannes der Täufer in Maribor, Bronze, 1991.
Drev, Denkmal für Anton Martin Slomšek gegenüber der Domkirche St. Johannes der Täufer in Maribor, Bronze, 1991.

von Angela Ilić

1 Maribor / Marburg an der Drau (Konstellationen)
2 Maribor wird Bischofssitz (Differenzen)
3 Zunehmende Abgrenzung konfessioneller und nationaler Identitäten (Bedeutungen)
4 Weiterführende Literatur
5 Einzelnachweise
6 Zitierempfehlung

 

 

 

 

 

 

 

Maribor / Marburg an der Drau (Konstellationen)

Maribor ist heute die zweitgrößte Stadt in der Republik Slowenien. Im Jahr 2015 hatte die Universitätsstadt, die im Nordosten des Landes am Fluss Drava (Drau) liegt, 96.000 Einwohner; die überwiegende Mehrheit waren Slowenen. Mitte des 19. Jahrhunderts waren die demografischen und sprachlichen Verhältnisse in Marburg an der Drau, wie die Stadt auf Deutsch heißt, deutlich andere: Unter der ethnisch gemischten Bevölkerung dominierte die deutsche Sprache; die ländlichen Bereiche in der unmittelbaren Umgebung, der Untersteiermark, waren dagegen überwiegend slowenischsprachig. Das Herzogtum Steiermark – mit Graz als Landeshauptstadt – gehörte zur Habsburgermonarchie und zählte zu den stark römisch-katholisch geprägten österreichischen Erblanden. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs Maribor erheblich: Die Einwohnerzahl verdoppelte sich in nur 12 Jahren von 6.850 im Jahr 1857 auf 12.828 im Jahr 1869. 1900 zählte Maribor bereits 24.601 Einwohner.

Maribor wird Bischofssitz (Differenzen)

Der Einfluss der deutschen Einwohner von Maribor auf das politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben der Stadt war im 19. Jahrhundert enorm. Deutsch fungierte als Umgangssprache für die überwiegende Mehrheit der Stadtbevölkerung, selbst dann, wenn es nicht ihre Muttersprache war. Die Dominanz der deutschen Sprache zeigte sich auch im Bildungswesen und wurde durch die Schulreform vom 1869 zementiert, die Deutsch als alleinige Unterrichtssprache einführte. Gleichzeitig war diese Zeit – wie anderswo in Europa – die Ära des nationalen „Erwachens“. Sie war in der Steiermark von einem Prozess gekennzeichnet, der vom steierischen Lokalpatriotismus zur nationalen Differenzierung führte.

Im Jahr 1846 wurde der selbst aus der Steiermark stammende Anton Martin Slomšek (1800–1862) zum neuen Fürstbischof der römisch-katholischen Diözese von Lavant ernannt, die ihren Sitz in St. Andrä im Lavanttal in Kärnten hatte. Slomšek förderte slowenische kulturelle und sprachliche Zugehörigkeiten innerhalb sowie außerhalb der Kirche. Er verfasste selbst zahlreiche Texte auf Slowenisch und übersetzte deutsche Volksgedichte und Volkslieder ins Slowenische. Besonders viel schrieb er für Kinder – darunter Materialen, die im Religionsunterricht benutzt werden konnten. Seine bekanntesten Worte – „Schämt euch nicht, dass ihr Slowenen seid!“ – stammen aus einer Predigt, die er im Jahr 1834 hielt. Im Jahr 1851 wurde auf Slomšeks Initiative der St. Hermagoras-Verein gegründet, der sich als erster Verein zum Ziel setzte, christliche und patriotische Literatur auf Slowenisch herauszugeben und zu verbreiten.

1859 verlegte Slomšek das Zentrum der Lavanter Diözese nach Maribor. Damit wurde die Stadt offiziell zum römisch-katholischen Bischofssitz. Der Verlegung hatten der Erzbischof von Salzburg (unter dessen Obhut das Bistum bislang stand), die Regierung in Wien sowie der Vatikan zugestimmt, nachdem frühere Pläne um die Reorganisation der Diözese gescheitert waren. Im selben Jahr gründete Slomšek ein Priesterseminar in Maribor.

Die Verlegung des Bischofssitzes war ein strategisch wichtiger Schritt in Slomšeks Plan, fast alle slowenischsprachigen Katholiken der Untersteiermark in einem Bistum zu vereinen. Mit diesem Schritt emanzipierte sich die unter Germanisierungsdruck stehende slowenischsprachigen Bevölkerung in sprachlicher Hinsicht. Damit leistete die Kirche zu einem entscheidenden Zeitpunkt einen wichtigen Beitrag zur Ausprägung des slowenischen nationalen Bewusstseins. Der sich verbreitende Gebrauch des Slowenischen innerhalb der Kirche war ausschlaggebend dafür, dass sich politische und kulturelle Aktivitäten unter der slowenischen Bevölkerung in der Region intensivierten. In den folgenden Jahrzehnten wurden zahlreiche politische Bewegungen und Vereine gegründet. Das Bistum wurde – unwiderruflich – zum Bistum der steirischen Slowenen.

Der wachsende Einfluss der Slowenen und des Slowenischen im römisch-katholischen Bistum trug dazu bei, dass sich die ethnischen Spannungen in der Stadt erhöhten, und löste mitunter heftige Reaktionen bei der deutschen Bevölkerung aus. Die im Jahr 1823 gegründete evangelische Kirchengemeinde augsburgischen Bekenntnisses, die ausschließlich die deutsche Sprache verwendete, baute in den 1860er-Jahren ein eigenes Gotteshaus in der Stadt und intensivierte ihre Aktivitäten. Um die Jahrhundertwende war die Gemeinde deutschnational geprägt und strebte die Vereinigung aller Deutschsprachigen – auch der Katholiken – in der evangelischen Kirche an. Damit war sie teilweise erfolgreich: Zwischen 1899 und 1903 waren 200 Übertritte zu verzeichnen[1]; in diesem Zeitraum zählte die Gemeinde insgesamt 1.500 Mitglieder.

Zunehmende Abgrenzung konfessioneller und nationaler Identitäten (Bedeutungen)

Unter Historikerinnen und Historikern ist die Reorganisation des Lavanter Bistums bis heute ein umstrittenes Thema. In der deutschsprachigen Geschichtsschreibung wird sie oft als ein problematisches Ereignis dargestellt. In der slowenischen Historiografie zählt sie dagegen zu den positiv gewerteten Zäsuren – nicht nur für Maribor, sondern für die Slowenen in der ganzen Untersteiermark im 19. Jahrhundert. Die Verlegung des Bischofsitzes veranschaulicht eine Form des Umgangs mit Differenz durch administrative Mechanismen. In diesem Fall wurden kirchliche Verwaltungsgrenzen neugezeichnet, um eine nationale Idee und Identität zu verstärken; dadurch wurden Differenzen etabliert und bekräftigt.

Obwohl die Reorganisation des Lavanter Bistums auf den ersten Blick vor allem konfessionelle Angelegenheiten zu regeln schien, hatte sie doch weitreichende Auswirkungen auf die nationale Selbstidentifizierung der Slowenen in Maribor und Umgebung. Gleichzeitig war die Verlegung des Bischofssitzes lediglich ein – wenngleich wichtiger – Schritt in Richtung nationaler und politischer Emanzipation der kleinen Völker, die wie die Slowenen unter österreichischen Herrschaft lebten. Dadurch ist der Ort Maribor in die größeren, europaweiten Prozesse der nationalen Selbstbehauptung, Differenzierung und Abgrenzung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eingebunden.

weiterführende Literatur

Karin Almasy, Wie aus Marburgern „Slowenen“ und „Deutsche“ wurden. Ein Beispiel zur beginnenden nationalen Differenzierung in Zentraleuropa zwischen 1848 und 1861, Graz 2014.

Tamara Griesser-Pečar, Maribor/Marburg an der Drau. Eine kleine Stadtgeschichte, Wien 2011.

Harald Heppner (Hg.), Slowenen und Deutsche im gemeinsamen Raum. Neue Forschungen zu einem komplexen Thema, München 2002.

Jernej Kosi (Hg.), Deutsche und Maribor. Ein Jahrhundert der Wenden, 1846–1946, Maribor 2012.

Andreas Moritsch, Slomšek, Anton Martin, in: Matthias Bernath / Felix von Schroeder (Hg.), Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas, Bd. 4, R–Z, München 1981, S. 144–145.

Einzelnachweise

  1. Max Moertl (Presbyter der evangelischen Kirchengemeinde A.B. in Marburg an der Drau), Brief an den Central-Vorstand des Gustav-Adolf-Werkes in Leipzig, 1903. Evangelisches Zentralarchiv Berlin, EZA 200/1/4613.

Zitierempfehlung

Angela Ilić, Maribor, in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2016. URL: http://www.ieg-differences.eu/ortstermine/angela-ilic-maribor, URN: urn:nbn:de:0159-20161020273.

Dieser Text ist lizensiert unter: CC by-nc-nd 4.0 international – Namensnennung, keine kommerzielle Nutzung, keine Bearbeitung.

Abbildungsnachweis

Foto: Angela Ilić