Madras / Chennai

von Andreas Köller

Inhaltsverzeichnis

1 Eine Unionskirche statt importiertem Konfessionalismus (Konstellationen)
2 Überbrückung von Unterschieden im Kirchenverständnis(Differenzen)
3 Ökumene als weltweite Bewegung (Bedeutungen)
4 Weiterführende Literatur
5 Einzelnachweise
6 Zitierempfehlung

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Die Kathedrale von Madras/Chennai (eröffnet 1816), in der 1947 die Church of South India gegründet wurde.

Eine Unionskirche statt importiertem Konfessionalismus (Konstellationen)

Chennai, bis 1996 Madras genannt, ist die Hauptstadt des indischen Bundesstaates Tamil Nadu. Tamil Nadu war eine der Eingangstüren, durch die protestantische Missionsgesellschaften verschiedener konfessioneller Couleur ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert Südindien betraten. Aus diesem Wirken entstanden verschiedene Kirchen, die sich am 27. September 1947 in Madras zur überkonfessionellen Church of South India (CSI) zusammenschlossen.

Konfessionelle Unterschiede hatten in den Heimatländern der Mission schon über Jahrhunderte hinweg bestanden. Im Zuge der Reformation hatte sich die christliche Gemeinschaft Europas vielfach und organisatorisch zergliedert, auch innerhalb des Protestantismus: Im Streit um Fragen nach der rechten Lehre, dem rechten Glauben, dem Lebenswandel und der Kirchenorganisation hatten sich mehrere Denominationen entwickelt. Europäische Gesellschaften waren vielfach vom Mit-, Neben- und Gegeneinander verschiedener konfessioneller Gruppen geprägt.

Mit der Mission wurden diese Unterschiede nach Südindien transferiert. Denn im Allgemeinen unterließen es die protestantischen Missionsgesellschaften, dort direkt miteinander um Bekehrungen zu konkurrieren. Die neuen christlichen Gemeinden waren oftmals regional oder entlang gesellschaftlicher Trennlinien im Kastensystem voneinander abgegrenzt. Diese Kirchen eigneten sich das Christentum jeweils so an, wie es ihnen ihre jeweilige Mission vorlebte. Wie Adolf Streckeisen von der Basler Mission 1949 zugespitzt formulierte, waren zum Beispiel „in Madras […] im Bereich weniger Strassen die Kirchen von nicht weniger als 13 Denominationen zu finden […], von denen eine jede beansprucht, die richtige christliche Kirche zu sein.“ [1]

Dieser importierte Konfessionalismus wurde ab dem frühen 20. Jahrhundert zunehmend kritisiert. Insbesondere indische Christinnen und Christen, aber auch Missionarinnen und Missionare forderten, eine Unionskirche zu bilden: In Südindien verhandelten daraufhin Anglikaner und Methodisten sowie Kirchen aus der reformierten Tradition über Differenzen, die ursprünglich in Europa entstanden waren.

Überbrückung von Unterschieden im Kirchenverständnis(Differenzen)

Die Kirchen, die an den Verhandlungen teilnahmen, verstanden sich zwar alle als protestantisch. Sie lebten und legten aber ihren Glauben und ihre Gemeinschaft unterschiedlich aus. Dies schimmerte beispielsweise darin durch, wie die einzelnen Kirchen das geistliche Amt ausgestalteten. Die an der Lehre von Johannes Calvin orientierten kongregationalistischen und presbyterianischen Christen sprachen der einzelnen Gemeinde eine besondere Rolle zu. Die Gemeinden sollten unabhängig sein und ihre Geistlichen selbst berufen können. Übergeordnete Instanzen sollten so wenig Einfluss wie möglich nehmen. Dagegen stellten Anglikaner und Methodisten ihre Kirchen unter bischöfliche Führung. Der Bischof galt ihnen als Geistlicher mit besonderer Weihe, als wahrhaftiger Nachfolger der Apostel. Er allein konnte eine Person zum Geistlichen weihen, die dadurch ermächtigt wurde, die Eucharistie vollgültig zu spenden. Radikale Anglikaner „gingen so weit, das von nicht bischöflichen Pfarrern ausgeteilte Abendmahl als eine blosse freundschaftliche Tea-party zu bezeichnen“[2]

Derartiges ist nicht einfach als theologische Disputiererei abzutun. Überzeugte Christen konnten die spirituellen Erfahrungen, die sie in ihrer Kirche gemacht hatten, als tiefgehend und wahrhaftig empfinden. Dieses Erleben konnte für ihr religiöses Selbstverständnis grundlegend sein. Wurde die Rechtmäßigkeit ihrer Geistlichen oder ihres Glaubenslebens in Zweifel gezogen, konnten sie dies als beinahe persönlichen Angriff wahrnehmen.

Solche Gegensätze trieben auch die Kirchen in Südindien um. Sie suchten dennoch die Verständigung und die Vereinigung. Mit dem Manifest von Tranquebar gaben sie 1919 das Startsignal: „Wir glauben, daß wir […] dazu gerufen sind, unsere alten Spaltungen zu beklagen und uns auszurichten auf unsern Herrn Jesus Christus, um in ihm die Einheit des Leibes in einer sichtbaren Kirche zu suchen.“[3] Bis aber die Unterschiede, besonders jene zum geistlichen Amt, aufgelöst waren, brauchte es beinahe drei Jahrzehnte und langwierige und umkämpfte Verhandlungen.

Eine gemeinsame Grundlage für eine Unionskirche fanden die Teilnehmer erst, als sie weiteren Abstand von ihren Traditionen erreichten und sich darauf einigten, die Weisungen des Neuen Testaments zur Gestalt der Kirche neu zu ergründen. Auch die Kongregationalisten und Presbyterianer erkannten für sich schließlich biblische Grundlagen für eine bischöfliche Führung. Die bischöflichen Kirchen wiederum fanden Verständnis für das Prinzip, die Gemeinden in Synoden und Räten ebenfalls in der Kirche zu beteiligen. So wurde eine episkopale Kirche entworfen, in der die Bischöfe nicht als Herrscher handeln sollten und ihr Einfluss durch andere Körperschaften begrenzt war. Die vierzehn Geistlichen aus allen vier Traditionen, die 1947 in Madras zu Bischöfen geweiht wurden, machten diese Einigung symbolisch sichtbar.

Ökumene als weltweite Bewegung (Bedeutungen)

Die weltweite Ökumene nahm die Entwicklungen in Indien euphorisch auf. Sie hoffte, dass diese Vorbild für die zukünftige Verständigung zwischen den Kirchen und Konfessionen sein könne. Bis heute ist die CSI jedoch nur eine regionale ökumenische Kirche geblieben (neber der es in Indien und anderen Ländern weitere regionale ökumenische Kirchen gibt). Eine Einheit aller christlichen Kirchen in einer weltweiten ökumenischen Kirche ist nicht entstanden. Die CSI gibt auch selbst kein rein harmonisches Bild ab: Abfall- und Trennungsbewegungen prägen seit Beginn ihre Geschichte. Zuletzt wurde 2014 die Diözese Nordkerala entlang der denominationellen Linien geteilt, die vor 1947 bestanden.

Trotzdem ist die langfristige Breitenwirkung dieser Geschehnisse in Südindien, auch für Europa, nicht zu unterschätzen. In den protestantischen Kirchen und darüber hinaus wurde und wird Ökumene gelebt. Die CSI gehörte zu den wichtigsten Katalysatoren dieser Bemühungen. Vermittelt durch Missionszeitschriften fanden Christen in Europa in den Berichten vom Bilden und Leben der Union Inspiration für das eigene Leben des Glaubens mit anderen Gemeinschaften. Missionare und Missionarinnen trugen ihre Erfahrungen in der Church of South India und das verinnerlichte Unionsdenken auch persönlich zurück in ihre Heimatgemeinden – einer von ihnen, der Basler Missionar Richard Lipp, wurde nach seiner Heimkehr nach Süßen bei Stuttgart für sein Wirken gar mit einem Denkmal neben der dortigen Ortskirche als „Wegbereiter der Ökumene“ geehrt.

weiterführende Literatur

Lionel Caplan, Class and Christianity in South India. Indigenous Responses to Western Denominationalism, in: Ders. (Hg.): Religion and power. Essays on the Christian Community in Madras, Madras 1989, S. 1–31.

Karimpumannil M. George, Church of South India. Life in Union, 1947–1997, Delhi 1999.

Frieder Ludwig, „Wie kann durch die Vereinigung von Kirchen aus England, Schottland, Schweden und den USA eine indische Kirche entstehen?“. Zu den Diskussionen um die Kirchenunion in Südindien, 1919–1947, in: Martin Tamcke u.a. (Hg.), Construction of the Other, Identification of the Self. German Mission in India, Berlin / London 2012, S. 85–120.

Andreas Köller, Mission in neuer Mission? Die Basler Mission in Indien vor den Herausforderungen von Dekolonisation und Ökumene, 1947–1972, Göttingen 2017.

Bengt Sundkler, Church of South India. The Movement Towards Union, 1900–1947, London 1954.

Einzelnachweise

1. Adolf Streckeisen, Die Südindische Kirche und ihre Arbeit im Verhältnis zu den verschiedenen Missionsgesellschaften, 3. Oktober 1949, in: Basler Mission / mission21, C-41.9, S. 1.

2. Adolf Streckeisen, Die Kirchliche Missionsgesellschaft von England (CMS) und die Basler Mission, [1950], in: Basler Mission / mission21, C-41.9, S. 23.

3.Übersetzung nach Hermann Witschi, Geschichte der Basler Mission. Bd. 5: 1920–1940, Basel 1970.

 

Zitierempfehlung

Andreas Köller, Madras / Chennai, in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2017. URL: http://www.ieg-differences.eu/ortstermine/andreas-koeller-madras, URN: urn:nbn:de:0159-2017121123.

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Abbildungsnachweis

By India Illustrated (http://digital.lib.uh.edu/u?/p15195coll29,215) [Public domain], via Wikimedia Commons.