Dubrovnik

Luftaufnahme der Altstadt von Dubrovnik (2006).
Luftaufnahme der Altstadt von Dubrovnik (2006).

von Andrea Rehling

Inhaltsverzeichnis

1 Dubrovnik 1979: multikulturell und kosmopolitisch (Konstellationen)
2 Dubrovnik und die Republik Ragusa als Modell für den Umgang (Differenzen)
3 Das multikulturelle Dubrovnik als Modell für die Dritte Welt, Europa und die Welt (Bedeutungen)
4 Weiterführende Literatur
5 Einzelnachweise
6 Zitierempfehlung

 

 

 

Dubrovnik 1979: multikulturell und kosmopolitisch(Konstellationen)

1979 wurde die Altstadt von Dubrovnik als erste jugoslawische Stätte in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen und damit zu einem gemeinsamen Erbe der Menschheit erklärt. Diese „Adelung“ als historische Stätte von Weltrang hatte wenig mit der Stadt Dubrovnik des Jahres 1979 und ihrer damaligen Bevölkerung zu tun. Es ging vielmehr darum, die Tradition der frühneuzeitlichen Republik Ragusa (später Dubrovnik) geschichtspolitisch zu nutzen, um international das Modell des homogenen Nationalstaates in Frage zu stellen und zu zeigen, dass ein friedliches Zusammenleben verschiedener ethnischer, religiöser und kultureller Gruppen auch langfristig funktionierte, ohne die Integration des Gemeinwesens zu gefährden. Die jugoslawische Regierung unter Josip Broz Tito wollte so den eigenen Staat, der sich keinem der großen Machtblöcke des Kalten Krieges angeschlossen hatte, sondern einen Dritten Weg zwischen beiden Lagern beschritt, als Modell für andere Staatswesen auf der internationalen Bühne platzieren. Warum aber eignete sich die Geschichtserzählung über die Republik Ragusa so gut für die politischen Zwecke Titos? Warum war es ihm wichtig, die Idee eines funktionierenden Multikulturalismus geschichtspolitisch zu verankern?

Dubrovnik und die Republik Ragusa als Modell für den Umgang mit Differenzen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Differenzen)

Bei der Republik Ragusa, schon früh auch als Dubrovnik bezeichnet, handelte es sich um einen Stadtstaat an der Adria, dem es gelungen war – so die historische Erzählung der 1970er-Jahre in Jugoslawien – seine Unabhängigkeit vom 14. Jahrhundert bis 1808 gegen wechselnde Großmächte – gemeint waren hier vor allem Venedig und das Osmanische Reich – zu verteidigen. Symbol dieses Kampfes um Unabhängigkeit war das Banner der Stadt, das ihre Freiheit (lat. libertas) politisch wie ökonomisch beschwor. Darüber hinaus galt die Stadt aufgrund ihrer Lage im Schnittpunkt verschiedener Handelswege als Kontaktzone zwischen verschiedenen Religionen und Kulturen; sie beherberge Traditionen und Menschen aus dem lateinischen Westen ebenso wie aus dem orthodoxen Osten und dem Islam. Ihr sei es gelungen, diese Unterschiede miteinander zu versöhnen und ein unabhängiges Drittes hervorzubringen. Dubrovnik galt dadurch 1979 als historischer Beleg für die Zukunftsfähigkeit multikultureller und multireligiöser Gesellschaften, worauf Tito nur zu gern Bezug nahm, um die Existenz des jugoslawischen Staates zu legitimieren und seine Integration zu stärken.

Noch 1961 betonte Tito in einem Gespräch, das er mit dem ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser und dem indischen Präsidenten Jawaharlal Nehru geführt haben soll, vor allem die Schwierigkeiten, einen so heterogenen Staat wie Jugoslawien zu integrieren und zu regieren: „Ich habe sieben komplizierte Probleme. Ich regiere einen Staat mit zwei Alphabeten – dem lateinischen und dem kyrillischen – wir haben drei Sprachen – Serbokroatisch, Slowenisch und Mazedonisch – und vier Religionen – Islam, Orthodoxie, Katholizismus und mosaische Religion –, wir haben fünf Nationalitäten – Slowenen, Kroaten, Serben, Montenegriner und Mazedonier –, sechs Republiken und sieben Nachbarländer“.[1]

In der Folge ging die jugoslawische Regierung jedoch dazu über, die Heterogenität des eigenen Landes nicht mehr als Defizit zu betrachten, sondern stattdessen Jugoslawien als fortschrittlichstes, sozialistisches Staatsmodell und Verwirklichung der multikulturellen Gesellschaft zu propagieren. Die Geschichte der Republik Ragusa und die Altstadt von Dubrovnik lieferten dafür den historischen Beleg, dass so etwas möglich sein konnte. So präsentierte Milan Prelog, Kunsthistoriker an der Universität Zagreb und von 1976 bis 1980 Mitglied des ersten Welterbe-Komitees, Jugoslawien und Dubrovnik im „UNESCO Courier“ im November 1980 als ein „Kaleidoskop der Kulturen“.[2] Hier vermischten sich, so Prelog, traditionelle Formen und altes Brauchtum mit avantgardistischer Kunst und neuen Medien auf einzigartige Weise, die den jugoslawischen Beitrag zur gegenwärtigen gesamteuropäischen Kultur präge und Jugoslawien zum Vorbild für andere Gesellschaften mache.

Prelog griff in seinem Text, der die Nominierung der jugoslawischen Welterbestätten begleitete, mehrere Geschichtserzählungen auf. Neben dem Befreiungskampf aus Fremdherrschaft fand sich hier die Unabhängigkeit von Ost und West sowie der Anspruch, eine Synthese aus den beiden Lagern zu bilden und dadurch zwischen beiden zu vermitteln. Die Schwierigkeit ein Staatswesen zu integrieren, dessen gegenwärtiges Territorium aus verschiedenen, teilweise zufälligen und willkürlichen Grenzziehungen entstanden war, fand sich ebenso als Topos wie die Notwendigkeit, eigene, unterdrückte Traditionen und kulturelles Erbe wiederzubeleben, aber auch die Bereicherung durch die Vielfalt der Kulturen anzunehmen.

Das multikulturelle Dubrovnik als Modell für die Dritte Welt, Europa und die Welt (Bedeutungen)

Der jugoslawische Staat erklärte so die multikulturelle Volksrepublik Jugoslawien, zum zukunftsweisenden Modell für die Welt. Tito reklamierte für Jugoslawien die Verwirklichung eines kulturellen Selbstbestimmungsrechts und lenkte so auch von den fehlenden Freiheiten in seinem diktatorischen Regimes ab, um sein Jugoslawien weiter als Gewissen der Welt in den internationalen Organisationen zu inszenieren. Er wies mit dieser Politik die vermeintliche Rückständigkeit Jugoslawiens zurück, die im Begriff der Balkanisierung ihren Niederschlag fand und Desintegrationstendenzen behauptete, weil Jugoslawien  kein Nationalstaat mit homogener Nation sei, und trat ihr mit Verweis auf die Tradition Dubrovniks und der Republik Ragusa selbstbewusst entgegen.

Entsprechend wurde die Stadt Dubrovnik als kosmopolitisch apostrophiert; sie wurde als Kreuzung beschrieben, an der sich West und Ost, Nord und Süd trafen,sich die Kulturen  bereicherten und gemeinsam Neues entstehen ließen. Das so geschaffene  Bild einer in friedlicher Föderation zusammenlebenden, multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft schien Anfang der 1980er-Jahre insbesondere zukunftsweisend für die Staaten der Dritten Welt, aber auch für ein kosmopolitisches Europa und eine intensivierte Zusammenarbeit in den internationalen Beziehungen zu sein. Es prägte vor allem die Wahrnehmung Dubrovniks nachhaltig und gab der Stadt als Symbol im Kalten Krieg, im Nord-Süd-Konflikt, aber auch bei der Europäischen Integration bis weit in die 1990er Jahre eine zukunftsträchtige, friedliche und völkerverbindende Konnotation.

weiterführende Literatur

Marie-Janine Calic, Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert, München 2010.

Stefan K. Pavlowitch, The Improbable Survivor. Yugoslavia and its Problems 1918–1988, London 1988.

Alvin Z. Rubinstein, Yugoslavia and the Nonaligned World, Princeton 1970.

Holm Sundhausen, Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten 1943–2011. Eine ungewöhnliche Geschichte des Gewöhnlichen, Wien u.a. 2012.

Maria Todorova, Imagining the Balkans, New York 1997.

Einzelnachweise

  1. http://ieg-differences.eu/hauptartikel/dubrovnik/#relink1 Zitiert nach Mohammed Heikal: Das Kairo-Dossier. Aus den Geheimpapieren des Gamal Abdel Nasser, Wien u.a. 1972, S. 295f.
  2. ↑http://ieg-differences.eu/hauptartikel/dubrovnik/#relink2 Milan Prelog, Yugoslavia: a kaleidoscope of cultures, in: The UNESCO Courier 33, November 1980, S. 4–17. URL: http://unesdoc.unesco.org/images/0004/000429/042993eo.pdf (23.08.2016).

 

Zitierempfehlung

Andrea Rehling, Dubrovnik, in: Ortstermine. Umgang mit Differenz in Europa, hg. für das Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG) v. Joachim Berger, Irene Dingel und Johannes Paulmann, Mainz 2016. URL: http://www.ieg-differences.eu/ortstermine/andrea-rehling-dubrovnik, URN: urn:nbn:de:0159-20161020107.

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Abbildungsnachweis

Wikimedia Commons, Urheberin: Anna Kovalchuk.